Ich kann mich noch gut
daran erinnern, wie glücklich und erleichtert ich war, als
ein Artikel über die gesundheitsfördernde Kraft von
Cannabis auf meinem Tisch landete. Mein Konsum erschien
mir nicht mehr sinnlos und schädlich. Nein, das Gegenteil
war der Fall. Von dem Moment an war es mir möglich, für
meine Gesundheit kiffen. Selbst wenn mich zu diesem
Zeitpunkt kein grüner Star plagte oder eine Chemotherapie
hinter mir lag, war ich davon überzeugt, mir etwas Gutes
zu tun.
Motiviert durch diese
Entdeckung, machte ich mich auf die Suche nach
Informationen über den medizinisch-therapeutischen Nutzen
meiner anderen „kleinen Freunde“.
Schnell wurde ich fündig.
Ich erfuhr, daß die tägliche Zufuhr einer geringen Menge
Alkohol zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen
beiträgt. Meine Mundwinkel zogen sich daraufhin
automatisch nach oben. Alkohol zur Vorbeugung von schweren
Krankheiten? Das war mehr als ich mir erhoffte. Sofort
ging ich in einen Supermarkt, orderte ein Bier und
prostete auf meine Gesundheit. Nachdem sich meine Freude
ein wenig gelegt hatte, forschte ich weiter. Sollten
vielleicht auch meine Zigaretten gut sein? Nein, das wäre
… nein, das glaubte ich nicht. Und in der Tat. Kein
Ratgeber empfahl mir zu rauchen. Ich wollte gerade meine
Suche abbrechen, da stieß ich auf einen Artikel, der mir
doch noch eine positive Wirkung bescheinigte. „Nikotin“,
so heißt es da „kann Tuberkulose-Erreger bekämpfen“.
Verschiedene Tests ergaben, daß Nikotin nicht nur das
Wachstum des Mycobacterium tuberculosis hemmt, sondern es
sogar vollkommen abtötet. Wissenschaftler der University
of Central Florida gaben trotzdem zu bedenken, daß
lediglich das Nikotin diese Eigenschaft besitzt und die
anderen Inhaltsstoffe einer Zigarette weiterhin als
äußerst gesundheitsschädlich gelten. Ich freute mich
dennoch und dachte mir, genüßlich an meiner Zigarette
saugend: „immer diese politisch korrekten
Wissenschaftler“. Außerdem - und das weiß ja wohl jeder –
helfen Zigaretten das Körpergewicht zu halten. Grund dafür
ist der durch das Rauchen erhöhte Stoffwechsel. Ich hatte
meinen ersten, zufrieden inhalierten Glimmstengel seit
Jahren noch nicht ganz ausgedrückt, da leuchtete mir
bereits der nächste Artikel auf meinem Bildschirm
entgegen: Im Jahre 1859 berichtete der Mailänder Neurologe
Paolo Montegazza erstmals von zahlreichen
Anwendungsmöglichkeiten des Kokains. Zahnschmerzen,
Verdauungsstörungen, Neurasthenie, allgemeine Schwäche und
andere, meist nervliche Leiden sollen demnach durch Kokain
gelindert werden. „Schön!“ dachte ich mir und war ein
wenig traurig, als ich in mein schmales Portemonnaie
schaute.
Der Rest des Abends brachte
mich noch an Heilversprechen für Amphetamin und Ecstasy.
Amphetamin verbessert beispielsweise den Tastsinn und gilt
demnach als Segen für Schlaganfallpatienten und
Konzertpianisten (vielleicht auch für professionelle
Kartenspieler?). Ecstasy soll eine positive Wirkung in
verschiedenen Psychotherapien ergeben haben.
Nach diesem „aufschlußreichen“
Tag ging es mir wirklich gut. Sah ich mich bis dato als
bemitleidenswerten Konsumenten zahlreicher Drogen, fühlte
ich mich von dem Moment an wie ein kleiner
Gesundheitsapostel. Meinen durchschnittlichen Konsum
erhöhte ich im Anschluß noch um einige Einheiten.
Bevor auch Sie jetzt
anfangen, euphorisch zu werden und in Ihr
Drogenschränkchen greifen, möchte ich Ihre Begeisterung
etwas dämpfen.
Obwohl zahlreiche
Publikationen über die medizinischen Vorteile bestimmter
Drogen eindeutiger Nonsens sind und lediglich den
einzelnen Drogenlobbies einen Nutzen bringen, gibt es in
der Tat einige Drogen, die sich bei bestimmten Krankheiten
als Vorteilhaft erweisen.
Welche Drogen können
wirklich als Medizin angesehen werden?
Zur Beantwortung dieser
Frage ist es meiner Meinung nach wichtig, zunächst einige
unwahre Drogen-Medizin-Geschichtchen in die ewigen
Jagdgründe zu verbannen.
Wir haben bereits in
Kapitel 14 geklärt, daß der oft so himmelhochjauchzend
präsentierte Wein seinen gesundheitlichen Vorteil
lediglich aus den enthaltenen Trauben zieht. Der Wein
bleibt ein, durch vergorene Früchte entstandener Alkohol.
Die Natur (oder wer auch immer) hat uns mit Sicherheit
nicht so konstruiert, daß wir Früchte in die Ecke stellen,
warten bis sie alt werden und schlecht schmecken, um sie
dann zu essen – bzw. zu trinken. Wer einer
Herz-Kreislaufkrankheit vorbeugen möchte, der sollte
lieber ein paar Weintrauben essen, sich ab und an einen
leckeren Traubensaft gönnen (möglichst zuckerfrei) und auf
seine Ernährung achten.
Die Weinthese
Die Weinthese ist relativ
leicht zu widerlegen. Aber die Wissenschaft – ob im
Auftrag der Industrie oder im Auftrag der
Selbstpräsentation – schläft nicht. So haben
Wissenschaftler herausgefunden, daß Menschen, die täglich
in geringen Mengen Alkohol trinken, länger leben als
Abstinenzler. Das Argument zieht. Die Begründung leider
nicht. Es ist schade, daß bei solchen „wissenschaftlichen“
Studien relativ unprofessionell gearbeitet wird. Zu
behaupten, Alkohol trinken wirkt sich positiv auf die
Gesundheit aus, weil alkoholtrinkende Testpersonen
durchschnittlich länger leben als Nichttrinker, ist nicht
wirklich intelligent. Bei solchen Studien lebt auch mal
ein Abstinenzler länger, als ein Trinker und mal werden
auch zwei Teilnehmer Gleichalt. Der entscheidende Nachteil
dieser Studien liegt darin, daß nicht alle Einflüsse, die
sich auf die Gesundheit eines Menschen auswirken mit
einbezogen werden können. Dem Ergebnis ist nicht zu
entnehmen, ob zum Beispiel ein Abstinenzler sich pausenlos
von Pizza ernährt, Medikamentenabhängig ist, keine Freunde
hat und noch bis vor kurzem in einer Zeche tätig war,
während der moderat trinkende „Kollege“ viel Sport treibt
und sich gesund ernährt.
Sollten Sie in Zukunft auf
eine „trinkt-Alkohol-denn-er-verlängert-dein-Leben-Studie“
treffen, dann versuchen Sie sich ins Gedächtnis zu rufen:
Alkohol ist und bleibt ein Gift!
Ecstasythese
Als ich vor kurzem in einem
Buch (1) von dem therapeutischen Nutzen von Ecstasy (MDMA) erfuhr, mußte ich
leicht schmunzeln. Nach einer Studie mit 140 Patienten,
die unter MDMA-Einfluß therapiert wurden, ließ man die
Teilnehmer nachträglich einen Fragebogen ausfüllen, in dem
sowohl auf die soziale, private und berufliche Situation
als auch auf das psychische Wohlbefinden eingegangen
wurde. 90% der Befragten berichteten von einer
Verbesserung ihrer Befindlichkeit. Die Therapeuten
schlossen daraus, daß MDMA einen positiven Einfluß auf die
Psyche hat. Eine Vergleichsstudie ohne Droge konnten die
Therapeuten leider nicht vorweisen. Es ist leicht
nachzuvollziehen, daß die Patienten nach dem Ecstasytrip
einen positiven Gesamteindruck von der Therapie mit nach
Hause nahmen. Der Standardwirkmechanismus von MDMA
(Ausschüttung von großen Mengen Serotonin) läßt gar kein
anderes Ergebnis zu. Eine längerfristige Heilung der
Psyche ist durch die Einnahme der Droge dennoch nicht
möglich, denn die Serotoninkonzentration bleibt noch Tage
bis Wochen nach dem Abklingen der Wirkung unter
Normalniveau – mit den bekannten Auswirkungen auf die
Psyche.
Nikotinthese
Mit Sicherheit kennen Sie
den Raucherspruch: „Ich kann nicht aufhören, da ich dann
an Gewicht zulege“. Im Grunde genommen ist da nicht viel
falsch dran. Die Erhöhung des Adrenalins beim Rauchen
kurbelt den Stoffwechsel an. Die Nahrung wird dadurch
schneller verdaut und eine Gewichtszunahme verhindert.
Stellt man das Rauchen ein, steigt bei konstanter
Nahrungsaufnahme das Gewicht. Ich könnte mich jetzt wieder
wichtig machen und sagen, daß ich nicht ein Gramm
zugenommen habe, nachdem ich das Rauchen eingestellt habe.
Das möchte ich aber nicht. Oder hab ich jetzt etwa? Ups,
na ja egal. Fakt ist, daß der Mensch nicht zum Rauchen
geboren wurde. Er ist nicht so programmiert worden, daß er
Nikotin zu sich nehmen muß, um eine Gewichtszunahme zu
verhindern. Das Körpergewicht steigt ausschließlich durch
eine erhöhte Zufuhr an Nahrung und durch die Abhängigkeit
von Industriezucker (macht hungrig). Fakt ist auch, daß
Raucher, die nach der letzten Zigarette zunehmen, sich
während ihrer aktiven Zeit bereits so ernährt haben, daß
ihr Gewicht normalerweise gestiegen wäre. Und Fakt ist
letztendlich auch, daß durch eine gesunde Ernährungsweise
(siehe in eines der unzähligen Ernährungsratgeber) das
Gewicht eines Nichtrauchers konstant bleibt.
Neben der
Alkohol-Lebensverlängerungs-, der Ecstasy-Kopfheilungs-
und der Nikotin Gewichthaltungstheorie kursieren in der
Medienwelt noch weitere Hinweise über den angeblich
gesundheitlichen Nutzen einiger Drogen. Es soll nicht Teil
dieses Kapitels sein, all diese Theorien aufzuspüren und
sie zu widerlegen. Ziel war es lediglich, Ihren inneren
Kritiker gegenüber ähnlichen Veröffentlichungen zu wecken.
„Doch was ist jetzt mit den
Drogen, die unwiderlegbar einen medizinischen Nutzen
haben?“
Ja, es gibt sie
tatsächlich. Cannabis wirkt beispielsweise
appetitanregend, was einen positiven Effekt bei
Chemotherapie- und Aidspatienten hat. Weiterhin senkt es
den Augeninnendruck und gilt dadurch als
Alternativmedikament bei grünem Star. Die schmerzstillende
Wirkung von Kokain gilt ebenso, wie der Nutzen von Nikotin
bei der Bekämpfung von Tuberkulosebakterien als
unumstritten. Und auch die Fähigkeit des Amphetamins, den
Tastsinn zu verbessern läßt sich nicht leugnen.
Wir können demnach davon
ausgehen, daß bestimmte Drogen bei bestimmten Krankheiten
als Medikament eingesetzt werden können.
Was bleibt ist die „einmal
und immer wieder“ Theorie.
Das Muster der allgemeinen
Drogenwirkung ändert sich leider nicht unter dem
Deckmantel der Medizin. Auch wenn Kokain als
schmerzstillendes Mittel verabreicht wird, hat es einen
Einfluß auf das Neurotransmittersystem mit den bekannten
Wirkungen. Das Dopamin wird in der Folge bei jedem
Neueintreten des Schmerzes nach Kokain „schreien“ und da
die Verfügbarkeit von Kokain durch freundliche
Straßenhändler gesichert ist, stehen die Chancen sehr gut,
es auch einmal bei Schmerzfreiheit zu probieren…
Nahezu alle Drogen gelten
durch ihre Fähigkeit, die Konzentration verschiedener
Botenstoffe zu erhöhen, als Schmerzmittel. Eine Krankheit
läßt sich mit fast jeder Droge leichter ertragen. Da
Drogen im allgemeinen nicht auf Rezept verschrieben
werden, sondern „frei“ erhältlich sind, kann der Konsument
gar nicht anders, als sie irgendwann nicht nur während der
Krankheit sondern auch noch danach einzunehmen. Die Folge
ist eine Ansammlung von „Anlässen“ im Gehirn.
Ich möchte damit nicht
sagen, daß es bei bestimmten Krankheiten nicht sinnvoll
wäre, eine Droge zu konsumieren. Es sollten jedoch vorab
die Nebenwirkungen mit der Wirkung verglichen und eine
Abhängigkeit in Kauf genommen werden. Meiner Meinung nach
ist es beispielsweise sinnvoll, einem Aidspatienten durch
die Verabreichung von Cannabispräparaten Appetit auf Essen
zu machen und ihm somit ein längeres Leben zu ermöglichen.
Die Gefahr einer Psychose ist in so einem Fall nicht
ungewichtig, rückt aber aufgrund des Nutzens in den
Hintergrund. Auch bei starken, chronischen Schmerzen ist
eine Verabreichung von Drogen teilweise empfehlenswert.
Eine Erkältung oder Kopfschmerzen durch Drogenkonsum
heilen zu wollen ist hingegen mehr als unklug. Harmlose,
immer mal widerkehrende Krankheiten, sind lediglich
Hinweise des Körpers, etwas am derzeitigen Lebensstil zu
verändern. Die Einnahme von Medikamenten im allgemeinen
halte ich in solchen Fällen für unangebracht. Eine gesunde
Ernährung, etwas Sport und keine Drogen, sind die
beste und günstigste Medizin – und das Nebenwirkungsfrei.