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Buch

Einleitung
Teil1 - Phil. Sichtweisen
Teil2 - Wiss. Erklärungen
Teil3 - Lösungen
Teil4 - Standpunkte
         Legal - Illegal?
         Aufklärung
         Drogen als Medizin
         Tierversuche
         Politiker auf Drogen
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Teil4 - Standpunkte - Drogen als Medizin

 

Drogen als Medizin

 

Der gesunde Rausch

                 

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie glücklich und erleichtert ich war, als ein Artikel über die gesundheitsfördernde Kraft von Cannabis auf meinem Tisch landete. Mein Konsum erschien mir nicht mehr sinnlos und schädlich. Nein, das Gegenteil war der Fall. Von dem Moment an war es mir möglich, für meine Gesundheit kiffen. Selbst wenn mich zu diesem Zeitpunkt kein grüner Star plagte oder eine Chemotherapie hinter mir lag, war ich davon überzeugt, mir etwas Gutes zu tun.

 

Motiviert durch diese Entdeckung, machte ich mich auf die Suche nach Informationen über den medizinisch-therapeutischen Nutzen meiner anderen „kleinen Freunde“.

 

Schnell wurde ich fündig. Ich erfuhr, daß die tägliche Zufuhr einer geringen Menge Alkohol zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen beiträgt. Meine Mundwinkel zogen sich daraufhin automatisch nach oben. Alkohol zur Vorbeugung von schweren Krankheiten? Das war mehr als ich mir erhoffte. Sofort ging ich in einen Supermarkt, orderte ein Bier und prostete auf meine Gesundheit. Nachdem sich meine Freude ein wenig gelegt hatte, forschte ich weiter. Sollten vielleicht auch meine Zigaretten gut sein? Nein, das wäre … nein, das glaubte ich nicht. Und in der Tat. Kein Ratgeber empfahl mir zu rauchen. Ich wollte gerade meine Suche abbrechen, da stieß ich auf einen Artikel, der mir doch noch eine positive Wirkung bescheinigte. „Nikotin“, so heißt es da „kann Tuberkulose-Erreger bekämpfen“. Verschiedene Tests ergaben, daß Nikotin nicht nur das Wachstum des Mycobacterium tuberculosis hemmt, sondern es sogar vollkommen abtötet. Wissenschaftler der University of Central Florida gaben trotzdem zu bedenken, daß lediglich das Nikotin diese Eigenschaft besitzt und die anderen Inhaltsstoffe einer Zigarette weiterhin als äußerst gesundheitsschädlich gelten. Ich freute mich dennoch und dachte mir, genüßlich an meiner Zigarette saugend: „immer diese politisch korrekten Wissenschaftler“. Außerdem - und das weiß ja wohl jeder – helfen Zigaretten das Körpergewicht zu halten. Grund dafür ist der durch das Rauchen erhöhte Stoffwechsel. Ich hatte meinen ersten, zufrieden inhalierten Glimmstengel seit Jahren noch nicht ganz ausgedrückt, da leuchtete mir bereits der nächste Artikel auf meinem Bildschirm entgegen: Im Jahre 1859 berichtete der Mailänder Neurologe Paolo Montegazza erstmals von zahlreichen Anwendungsmöglichkeiten des Kokains. Zahnschmerzen, Verdauungsstörungen, Neurasthenie, allgemeine Schwäche und andere, meist nervliche Leiden sollen demnach durch Kokain gelindert werden. „Schön!“ dachte ich mir und war ein wenig traurig, als ich in mein schmales Portemonnaie schaute.

Der Rest des Abends brachte mich noch an Heilversprechen für Amphetamin und Ecstasy. Amphetamin verbessert beispielsweise den Tastsinn und gilt demnach als Segen für Schlaganfallpatienten und Konzertpianisten (vielleicht auch für professionelle Kartenspieler?). Ecstasy soll eine positive Wirkung in verschiedenen Psychotherapien ergeben haben.    

 

Nach diesem „aufschlußreichen“ Tag ging es mir wirklich gut. Sah ich mich bis dato als bemitleidenswerten Konsumenten zahlreicher Drogen, fühlte ich mich von dem Moment an wie ein kleiner Gesundheitsapostel. Meinen durchschnittlichen Konsum erhöhte ich im Anschluß noch um einige Einheiten.

 

Bevor auch Sie jetzt anfangen, euphorisch zu werden und in Ihr Drogenschränkchen greifen, möchte ich Ihre Begeisterung etwas dämpfen.

 

Obwohl zahlreiche Publikationen über die medizinischen Vorteile bestimmter Drogen eindeutiger Nonsens sind und lediglich den einzelnen Drogenlobbies einen Nutzen bringen, gibt es in der Tat einige Drogen, die sich bei bestimmten Krankheiten als Vorteilhaft erweisen.

 

Welche Drogen können wirklich als Medizin angesehen werden?  

 

Zur Beantwortung dieser Frage ist es meiner Meinung nach wichtig, zunächst einige unwahre Drogen-Medizin-Geschichtchen in die ewigen Jagdgründe zu verbannen.

 

Wir haben bereits in Kapitel 14 geklärt, daß der oft so himmelhochjauchzend präsentierte Wein seinen gesundheitlichen Vorteil lediglich aus den enthaltenen Trauben zieht. Der Wein bleibt ein, durch vergorene Früchte entstandener Alkohol. Die Natur (oder wer auch immer) hat uns mit Sicherheit nicht so konstruiert, daß wir Früchte in die Ecke stellen, warten bis sie alt werden und schlecht schmecken, um sie dann zu essen – bzw. zu trinken. Wer einer Herz-Kreislaufkrankheit vorbeugen möchte, der sollte lieber ein paar Weintrauben essen, sich ab und an einen leckeren Traubensaft gönnen (möglichst zuckerfrei) und auf seine Ernährung achten.

 

Die Weinthese

 

Die Weinthese ist relativ leicht zu widerlegen. Aber die Wissenschaft – ob im Auftrag der Industrie oder im Auftrag der Selbstpräsentation – schläft nicht. So haben Wissenschaftler herausgefunden, daß Menschen, die täglich in geringen Mengen Alkohol trinken, länger leben als Abstinenzler. Das Argument zieht. Die Begründung leider nicht. Es ist schade, daß bei solchen „wissenschaftlichen“ Studien relativ unprofessionell gearbeitet wird. Zu behaupten, Alkohol trinken wirkt sich positiv auf die Gesundheit aus, weil alkoholtrinkende Testpersonen durchschnittlich länger leben als Nichttrinker, ist nicht wirklich intelligent. Bei solchen Studien lebt auch mal ein Abstinenzler länger, als ein Trinker und mal werden auch zwei Teilnehmer Gleichalt. Der entscheidende Nachteil dieser Studien liegt darin, daß nicht alle Einflüsse, die sich auf die Gesundheit eines Menschen auswirken mit einbezogen werden können. Dem Ergebnis ist nicht zu entnehmen, ob zum Beispiel ein Abstinenzler sich pausenlos von Pizza ernährt, Medikamentenabhängig ist, keine Freunde hat und noch bis vor kurzem in einer Zeche tätig war, während der moderat trinkende „Kollege“ viel Sport treibt und sich gesund ernährt.

 

Sollten Sie in Zukunft auf eine „trinkt-Alkohol-denn-er-verlängert-dein-Leben-Studie“ treffen, dann versuchen Sie sich ins Gedächtnis zu rufen: Alkohol ist und bleibt ein Gift!

 

Ecstasythese

 

Als ich vor kurzem in einem Buch (1) von dem therapeutischen Nutzen von Ecstasy (MDMA) erfuhr, mußte ich leicht schmunzeln. Nach einer Studie mit 140 Patienten, die unter MDMA-Einfluß therapiert wurden, ließ man die Teilnehmer nachträglich einen Fragebogen ausfüllen, in dem sowohl auf die soziale, private und berufliche Situation als auch auf das psychische Wohlbefinden eingegangen wurde. 90% der Befragten berichteten von einer Verbesserung ihrer Befindlichkeit. Die Therapeuten schlossen daraus, daß MDMA einen positiven Einfluß auf die Psyche hat. Eine Vergleichsstudie ohne Droge konnten die Therapeuten leider nicht vorweisen. Es ist leicht nachzuvollziehen, daß die Patienten nach dem Ecstasytrip einen positiven Gesamteindruck von der Therapie mit nach Hause nahmen. Der Standardwirkmechanismus von MDMA (Ausschüttung von großen Mengen Serotonin) läßt gar kein anderes Ergebnis zu. Eine längerfristige Heilung der Psyche ist durch die Einnahme der Droge dennoch nicht möglich, denn die Serotoninkonzentration bleibt noch Tage bis Wochen nach dem Abklingen der Wirkung unter Normalniveau – mit den bekannten Auswirkungen auf die Psyche.

 

Nikotinthese

 

Mit Sicherheit kennen Sie den Raucherspruch: „Ich kann nicht aufhören, da ich dann an Gewicht zulege“. Im Grunde genommen ist da nicht viel falsch dran. Die Erhöhung des Adrenalins beim Rauchen kurbelt den Stoffwechsel an. Die Nahrung wird dadurch schneller verdaut und eine Gewichtszunahme verhindert. Stellt man das Rauchen ein, steigt bei konstanter Nahrungsaufnahme das Gewicht. Ich könnte mich jetzt wieder wichtig machen und sagen, daß ich nicht ein Gramm zugenommen habe, nachdem ich das Rauchen eingestellt habe. Das möchte ich aber nicht. Oder hab ich jetzt etwa? Ups, na ja egal. Fakt ist, daß der Mensch nicht zum Rauchen geboren wurde. Er ist nicht so programmiert worden, daß er Nikotin zu sich nehmen muß, um eine Gewichtszunahme zu verhindern. Das Körpergewicht steigt ausschließlich durch eine erhöhte Zufuhr an Nahrung und durch die Abhängigkeit von Industriezucker (macht hungrig). Fakt ist auch, daß Raucher, die nach der letzten Zigarette zunehmen, sich während ihrer aktiven Zeit bereits so ernährt haben, daß ihr Gewicht normalerweise gestiegen wäre. Und Fakt ist letztendlich auch, daß durch eine gesunde Ernährungsweise (siehe in eines der unzähligen Ernährungsratgeber) das Gewicht eines Nichtrauchers konstant bleibt.

 

Neben der Alkohol-Lebensverlängerungs-, der Ecstasy-Kopfheilungs- und der Nikotin Gewichthaltungstheorie kursieren in der Medienwelt noch weitere Hinweise über den angeblich gesundheitlichen Nutzen einiger Drogen. Es soll nicht Teil dieses Kapitels sein, all diese Theorien aufzuspüren und sie zu widerlegen. Ziel war es lediglich, Ihren inneren Kritiker gegenüber ähnlichen Veröffentlichungen zu wecken.

 

„Doch was ist jetzt mit den Drogen, die unwiderlegbar einen medizinischen Nutzen haben?“

 

Ja, es gibt sie tatsächlich. Cannabis wirkt beispielsweise appetitanregend, was einen positiven Effekt bei Chemotherapie- und Aidspatienten hat. Weiterhin senkt es den Augeninnendruck und gilt dadurch als Alternativmedikament bei grünem Star. Die schmerzstillende Wirkung von Kokain gilt ebenso, wie der Nutzen von Nikotin bei der Bekämpfung von Tuberkulosebakterien als unumstritten. Und auch die Fähigkeit des Amphetamins, den Tastsinn zu verbessern läßt sich nicht leugnen.

 

Wir können demnach davon ausgehen, daß bestimmte Drogen bei bestimmten Krankheiten als Medikament eingesetzt werden können.

 

Was bleibt ist die „einmal und immer wieder“ Theorie.

 

Das Muster der allgemeinen Drogenwirkung ändert sich leider nicht unter dem Deckmantel der Medizin. Auch wenn Kokain als schmerzstillendes Mittel verabreicht wird, hat es einen Einfluß auf das Neurotransmittersystem mit den bekannten Wirkungen. Das Dopamin wird in der Folge bei jedem Neueintreten des Schmerzes nach Kokain „schreien“ und da die Verfügbarkeit von Kokain durch freundliche Straßenhändler gesichert ist, stehen die Chancen sehr gut, es auch einmal bei Schmerzfreiheit zu probieren…

Nahezu alle Drogen gelten durch ihre Fähigkeit, die Konzentration verschiedener Botenstoffe zu erhöhen, als Schmerzmittel. Eine Krankheit läßt sich mit fast jeder Droge leichter ertragen. Da Drogen im allgemeinen nicht auf Rezept verschrieben werden, sondern „frei“ erhältlich sind, kann der Konsument gar nicht anders, als sie irgendwann nicht nur während der Krankheit sondern auch noch danach einzunehmen. Die Folge ist eine Ansammlung von „Anlässen“ im Gehirn.

 

Ich möchte damit nicht sagen, daß es bei bestimmten Krankheiten nicht sinnvoll wäre, eine Droge zu konsumieren. Es sollten jedoch vorab die Nebenwirkungen mit der Wirkung verglichen und eine Abhängigkeit in Kauf genommen werden. Meiner Meinung nach ist es beispielsweise sinnvoll, einem Aidspatienten durch die Verabreichung von Cannabispräparaten Appetit auf Essen zu machen und ihm somit ein längeres Leben zu ermöglichen. Die Gefahr einer Psychose ist in so einem Fall nicht ungewichtig, rückt aber aufgrund des Nutzens in den Hintergrund. Auch bei starken, chronischen Schmerzen ist eine Verabreichung von Drogen teilweise empfehlenswert. Eine Erkältung oder Kopfschmerzen durch Drogenkonsum heilen zu wollen ist hingegen mehr als unklug. Harmlose, immer mal widerkehrende Krankheiten, sind lediglich Hinweise des Körpers, etwas am derzeitigen Lebensstil zu verändern. Die Einnahme von Medikamenten im allgemeinen halte ich in solchen Fällen für unangebracht. Eine gesunde Ernährung, etwas Sport und keine Drogen, sind die beste und günstigste Medizin – und das Nebenwirkungsfrei. 

 

(1)   Saunders N.:E for Ecstasy, Zürich 1994

 

 

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