Der ehemalige Konsument
ist glücklich. Er nimmt keine Drogen mehr und ihm ist
bewußt, daß bereits ein einziger Konsum sein „schönes
neues Leben“ zerstören würde. Er hat das geschafft, wovon
andere nur träumen können. Er wird nach einer anfänglichen
Phase des Belächelns von allen bewundert. Sein
Selbstvertrauen ist so stark wie nie zuvor.
Aber: „Hat er es
tatsächlich geschafft? Ist er tatsächlich frei von
Drogen?“
Wir haben in unseren
bisherigen Untersuchungen die mächtigsten Gruppen von
Drogenkonsumenten außer acht gelassen.
Die Zuckerclique:
Wir wissen bereits, daß
Zucker ebenso wie Nikotin, Alkohol, Kaffee, THC, Kokain
oder Heroin zu den Drogen gehört.
Wird Süßes gegessen, so
steigt der Blutzuckerspiegel. Dies wiederum verursacht
einen starken Anstieg von Insulin im Blut. Insulin sorgt
dafür, daß Tryptophan aus dem Blut ins Gehirn gelangen
kann. Tryptophan ist bekanntlich die Vorstufe von
Serotonin. Wird Zucker eingenommen, steigt demnach die
Stimmung. Ohne Zucker ist unser Körper nicht in der Lage,
Tryptophan und letztendlich Serotonin zu produzieren. Die
Folgen einer Zuckerabstinenz wären fatal (Antriebs- und
Schlaflosigkeit, Ängste sowie Depressionen) und würden
letztendlich zum Tod führen. Der Mensch ist somit von
Geburt an zuckersüchtig. Es scheint sogar, als wäre er
dazu verdammt, eine der gefährlichsten Drogen zu sich zu
nehmen, um zu überleben. Glücklicherweise ist es natürlich
nicht so. Der menschliche Körper ist perfekt, so wie er
ist.
Jetzt wird es etwas
kompliziert. Wir wissen, daß der Mensch abhängig von
Zucker ist und ihn zum überleben braucht. Wir wissen aber
auch, daß Zucker eine gefährliche Droge ist, an deren
Folgen jährlich Millionen von Menschen sterben. Wie paßt
das zusammen?
Die Lösung liegt darin,
daß wir einen Unterschied zwischen gutem und schlechtem
Zucker machen müssen.
Guter Zucker:
Die Natur, Gott, die
Außerirdischen oder alle zusammen, haben dafür gesorgt,
daß die Menschen auf der Erde gut über die Runden kommen.
Die Nahrungsaufnahme und die Fortpflanzung sind die wohl
wichtigsten Voraussetzungen zum Überleben. Da die Menschen
am Anfang ihren Alltag lieber damit verbrachten, träumend
in der Ecke zu sitzen, als zu essen und auf Partnersuche
zu gehen, haben die ehrenwerten Schöpfer sich etwas
einfallen lassen. In ihrem Psychologie Grundkurs erfuhren
sie, daß sich Menschen entweder mit Hilfe von Strafe oder
mit Hilfe von Lob erziehen lassen. Es war ein sonniger
Nachmittag und die Schöpfer hatten gute Laune. Ihnen war
gerade nicht nach Strafe und so entschlossen sie sich, die
faulen Menschen mittels Belobigung zum Futternapf und ins
Bett zu treiben. Leider fehlte ihnen die Zeit, jedem
Menschen, nach erfolgreicher Nahrungsaufnahme oder
geglücktem Samentausch über den Kopf zu streicheln und zu
sagen: „fein gemacht!“. So schenkten sie den Menschen
kurzerhand ein körpereigenes Belohnungssystem. Alle
Probleme waren mit einem Schlag gelöst. Die Menschen
sprangen plötzlich wie verhext durch die Gegend, suchten
sich Partner, nahmen Nahrung zu sich und gingen ins Kino.
Immer auf der Suche nach der angenehmen Belohnung. Keiner
wollte mehr faul in der Ecke liegen. Dieser Zustand hielt
jedoch nicht lange an. Immer mehr von ihnen hatten
plötzlich keine Lust mehr auf Belohnung oder waren einfach
zu dick für irgendwelche Aktivitäten. Ratlosigkeit kam
auf. Die Schöpfer trafen sich zur Krisensitzung. Ihre
einzig verbliebene Möglichkeit, dem Menschen zum Überleben
zu verhelfen, war die Einführung der Strafe. Jeden
einzelnen zu schlagen und zu treten, war nicht
realisierbar. Die Entscheidung viel daher schnell auf ein
körpereignes „Bestrafungssystem“. Und siehe da: es
funktionierte. War es für einen Menschen an der Zeit,
etwas zu essen, bekam er einen sanften Bauschmerz und
wurde dadurch dazu gedrängt, sich auf Nahrungssuche zu
begeben. War die Arbeit getan und die Mahlzeit verspeist,
verschwand der Schmerz und die Belohnung folgte. Gab’s
nichts zu essen, steigerten sich die Bauchschmerzen mit
der Zeit.
Die Damen und Herren
Schöpfer waren nicht nur Zauberer sondern auch großartige
Biochemiker. Zur Sicherung der Nahrungsaufnahme sorgten
sie dafür, daß Zucker im menschlichen Körper die
Verantwortung für die Entstehung eines glücklich machenden
Botenstoffes erhielt. Gleichzeitig versetzten sie alle
wichtigen Nahrungsmittel mit dem Zucker (z.Bsp: Obst,
Gemüse, Trockenfrüchte) oder mit Stärke (z.Bsp.: Brot,
Kartoffeln, Getreide und Hülsenfrüchte) – einer Vorstufe
von Zucker. Der „gute Zucker“ war erfunden. Er steckte in
den Lebensmitteln und sorgte dafür, daß diese mit Hingabe
verspeist wurden.
Das Bestrafungssystem
regelten sie durch die Erfindung des Dopamins. Ein
sinkender Dopaminspiegel erzeugt „den kleinen Schmerz“ und
wird bei Aktivitätserfüllung wieder ausgeglichen
beziehungsweise kurzzeitig zur Belohnung erhöht.
Schlechter Zucker:
Eines Tages bemerkte der
Mensch, daß es gar nicht so schwierig ist, eigenhändig
Zucker herzustellen. Das war ein großer Moment in seinem
Leben. Er stellte fest, daß dieser Zucker gar nicht satt
aber trotzdem glücklich macht. Und das schönste dabei: die
Wirkung setzt unmittelbar nach dem Verzehr ein. Die
gesamte Menschheit erfreute sich an dem süßen Gold (Zucker
war tatsächlich einmal fast soviel Wert wie das
Edelmetall). Niemand bemerkte, daß die guten alten
Schöpfer sich etwas dabei gedacht hatten, den Zucker in
den natürlichen Nahrungsmitteln zu verstecken. Die „Droge
Zucker“ war erfunden.
Erfüllt die „Droge
Zucker“ tatsächlich die Aufnahmekriterien in den Olymp der
echten Drogen? Leider ja!
Durch den Konsum von
konzentriertem Zucker steigt der Blutzuckerspiegel und mit
ihm die Konzentration des Insulins in kurzer Zeit sehr
stark an. Insulin reguliert den Blutzuckerspiegel. Eine
erhöhte Konzentration bewirkt jedoch ein starkes Absinken
des Blutzuckerspiegels (unter den Ausgangswert), mit dem
Ergebnis einer niedrigen Dopaminkonzentration und dem
daraus resultierenden „kleinen Schmerz“ der Schöpfer. Kurz
gesagt: konzentrierter Zucker macht hungrig und erzeugt
die so genannten Entzugserscheinungen. Ein wichtiges
Drogenkriterium ist damit erfüllt. Zucker kehrt seine
positive Eigenschaft ins exakte Gegenteil um. Statt Hunger
zu stillen macht er Hunger. Auch das kurzzeitig starke
„Glücksgefühl“ wird schnell durch ein „Tief“ ersetzt.
Beide Punkte haben zur Folge, daß der Konsument zu einer
neuen Ration Zucker greift. Durch die psychische Wirkung
des Zuckers verbindet das Gehirn, wie auch bei anderen
Drogen, schnell den eingenommenen Stoff mit dem angenehmen
Gefühl. Wie bei anderen Drogen reicht bereits der Anblick
des Stoffes um eine Ausschüttung von Dopamin zu erzeugen.
Ähnlich wie der Anblick eines Häufchens Kokain den Kokser
fröhlich stimmt, erfreut den „Zuckerer“ bereits das
Antlitz eines leckeren Schokoriegels oder einer Dose Cola.
Fehlen lediglich noch
die körperlichen Nebenwirkungen.
Psychisch:
Physisch:
Depressionen,
Antriebsschwäche
Karies, Schädigung der
Magenschleimhäute, Senkung des Blut-PH-Wertes,
Sodbrennen, Magenreizung, Magengeschwüre,
ernährungsbedingte Zivilisationskrankheiten,
Hypoglykämie (Unterversorgung von Muskeln, Organen und
dem Gehirn durch niedrigen Blutzuckerspiegel),
Arteriosklerose, Übergewicht, Herz-
Kreislauferkrankungen und Diabetes
Wir stellen fest, daß
künstlich produzierter Zucker in der Tat als Droge
eingestuft werden kann. Die Nebenwirkungen sind
letztendlich noch schwerwiegender als bei einigen
illegalen Drogen.
Alle Drogen haben die
Eigenschaft, dem Konsumenten jederzeit ein Gefühl der
Bereicherung zu geben, während sie sich daran machen, ihn
physisch und psychisch nach unten zu ziehen. Dadurch
erreichen sie, daß der Konsument sie nach dem ersten
Versuch weiterhin einnimmt. Zucker hat den Vorteil, daß
der Mensch von Natur aus darauf programmiert ist, ihn zu
sich zu nehmen. Die „Abhängigkeit“ erreicht somit beim
Zucker eine bisher von Drogen unbekannte Intensität.
Könnten wir das Prädikat „Droge Plus“ vergeben, dürften
wir keine Sekunde zögern, es dem Zucker zu verleihen.
„Aber worin besteht
denn jetzt der Unterschied zwischen natürlichem und
konzentriertem Zucker?“
Es gibt keinen
Unterschied. Die so genannten Monosaccharide
(Einfachzucker) sind die Grundbausteine aller Zuckerarten.
Sie sind letztendlich sowohl in der Natur als auch in der
konzentrierten Form enthalten. Zu den Einfachzuckern
gehören u.a. Glucose (Traubenzucker) und Fructose
(Fruchtzucker). Der bekannte weiße Haushaltszucker (Saccharose)
ist ein Zweifachzucker, bestehend aus einem Molekül
Fructose und einem Molekül Glucose. Die Polysaccharide
(Vielfachzucker) sind, zu langen Ketten verknüpfte
Zuckermoleküle. Ein Beispiel dafür ist die pflanzliche
Stärke. Polysaccharide schmecken gering süß und werden im
Darm zu Einfachzucker aufgespaltet. Alle Kohlenhydrate
sind demzufolge in irgendeiner Form Zucker.
Die schädliche Wirkung
entsteht beim Industriezucker wie folgt:
Industriezucker wird genau
wie alle anderen Kohlenhydrate im Dünndarm umgewandelt.
Damit der Körper den Zucker verwerten kann, muß er ihn mit
Hilfe von Enzymen, Vitaminen und Mineralstoffen zersetzen.
Natürliche Nahrungsmittel führen die zur Zersetzung
nötigen Stoffe mit sich, nicht selten sogar im Überfluß,
um eventuelle Mängel auszugleichen. Der isolierte Zucker
hingegen steht allein da. Der Körper verwendet also Stoffe
aus seinen Reserven, um die Saccharose in Glukose
umzuwandeln. Konzentrierter Zucker entzieht dem Körper
grundsätzlich lebenswichtige Vitalstoffe. Da purer Zucker
keine lebensnotwendigen Substanzen mit sich führt, müssen
andere Nahrungsmittel zurückstecken. Sind diese ebenfalls
arm an Vitalstoffen, hat der Körper das Nachsehen. Das ist
einer der Gründe für ernährungsbedingte
Zivilisationskrankheiten. Neben dem für den Körper sehr
wichtigen Vitamin B1 entzieht der Zucker auch noch
Mineralien wie Kalzium, Phosphor, Magnesium und Chrom -
ersatzlos.
Eine Abstinenz vom
konzentrierten Zucker ist trotz des Wissens um die
Negativität nahezu unmöglich. Fast alle produzierten
Lebensmittel enthalten heutzutage Zucker. Selbst solche,
von denen man es nicht erwartet, wie beispielsweise
Ketchup, scharfe Kartoffelchips und Schinken. Hinzu kommt,
daß mit Zucker jährlich Milliardensummen umgesetzt werden.
Wo soviel Geld im Spiel ist, wird natürlich alles dafür
getan, daß es bleibt wie es ist. Die Folge sind zahlreiche
Ammenmärchen über Zucker und zuckerhaltige Lebensmittel.
Na dann Guten Appetit! Und nicht vergessen, den Kaffee zu
süßen. (1)
Die Kaffeecrew:
Mit 160 Litern pro Person
und Jahr ist Kaffee - früher ein teures Vergnügen - heute
Alltagsgetränk und flüssiges Genussmittel Nr. 1 in
Deutschland, das den Bierkonsum längst überflügelt hat.
Das Kaffee zu den Drogen
zählt, ist hinlänglich bekannt. Doch ähnlich wie der
Zucker ist er so sehr in die Gesellschaft integriert
worden, daß harmlose Bedenkenträger zu freudlosen
Miesmachern erkoren werden. Im Vordergrund ist und bleibt
der Genuß. Obwohl man bei einem pro Kopf Verbrauch von
einem halben Liter am Tag nicht mehr unbedingt von Genuß
sprechen sollte. Aber sei’s drum. In unserer grausamen
Leistungsgesellschaft braucht man ständig etwas zum
genießen.
Bevor wir den Kaffee in
unsere Liste der Drogen aufnehmen, müssen wir sicher
gehen, daß er neben dem Standardkriterium der
psychoaktiven Wirkung auch unsere Drogenkriterien erfüllt:
Er muß sich sowohl durch seine physischen als auch
psychischen Nebenwirkungen auszeichnen. Und er muß dafür
sorge tragen, daß die Leiden, die er heilt mit der Zeit
durch ihn hervorgerufen werden.
Kaffee „heilt“ vor allem
die Müdigkeit, die Konzentrationsleistung, die Stimmung
und den Antrieb. Koffein vereitelt die Arbeit des
Neurotransmitters Adenosin*, fördert die Aufnahme von
Serotonin und erhöht – wie alle anderen Drogen - die
Dopaminkonzentration.
*Adenosin dient dazu die
Gehirnzellen vor Überarbeitung zu schützen und
signalisiert ihnen bei Bedarf eine Ruhepause einzulegen.
Und tatsächlich, werden
auch beim „Kaffeegenuß“ die gelinderten Leiden mit der
Zeit verstärkt. Verbietet man einem Kaffeetrinker seine
morgendliche Tasse, kann man „genüßlich“ dabei zuschauen,
was passiert. Es dürften in etwa folgende Symptome zu
beobachten sein: Resignation, Niedergeschlagenheit,
Schwunglosigkeit, leichte Irritiertheit und Angst,
Müdigkeit sowie Arbeitsunlust. Als wissenschaftlich
gesichert gilt die Erkenntnis, daß beim längerfristigen
Konsum – bereits geringer Mengen – typische
Abhängigkeitserscheinungen auftreten. Die häufigsten
Symptome sind: Kopfschmerzen, Müdigkeit und eine
verminderte Konzentration. Sie setzen in der Regel 12–24
Stunden nach der letzten Koffein-Einnahme ein, erreichen
ihren Höhepunkt nach 20–40 Stunden und sind nach etwa
einer Woche wieder abgeklungen. Vor allem der diffuse,
frontal betonte, nicht pulsierende Kopfschmerz ist
typisch. Nach neuerlicher Koffeinaufnahme vergeht er
sofort wieder. Er kann mitunter sehr stark und unangenehm
werden und ist ein entscheidender Motor für die
Daueraufnahme.
Es steht demnach fest:
Kaffee ist eine Droge und jemand, der beispielsweise das
Rauchen aufgibt aber weiterhin Kaffee trinkt, kann nicht
von sich behaupten, Abstinent zu leben.
Abschließend möchte ich
noch kurz auf den so genannten „Koffeinismus“ eingehen.
Die Experten streiten noch, ob man bereits bei sechs oder
erst bei zehn Tassen pro Tag als Koffeinist gilt. In jedem
Fall ist diese Spezies der Kaffeetrinker besonders
gefährdet. Es drohen: Verwirrtheitszustände mit
Personenverkennung, Erstickungsangst, Lähmungen,
epilepsieartige Krämpfe, Bluthochdruck, Herzrasen bzw.
-stolpern, Herz- und Kreislaufversagen sowie:Aggressivität,
Angstzustände und depressive Verstimmungen.
Bleibt auch beim
Kaffeetrinken nur zu sagen: ohne lebt es sich besser!
Um mir diverse
Drohbriefe von Mitgliedern der Kaffee- und Zuckerfreunde
zu ersparen, möchte ich an dieser Stelle deutlich darauf
hinweisen, daß ich niemanden dazu überreden möchte, seinen
Konsum einzustellenbzw. zu verringern.