Der Konsument hat seine
letzte Ration zu sich genommen. Er freut sich, aber so
richtig kann er es noch nicht glauben. War das wirklich
alles? Irgendwie entsteht eine Leere. Ist das normal?
Nach dem letzten Konsum
beginnt der Körper sofort mit der Regeneration und
Selbstreinigung. Je nach eingenommener Art der Droge und
deren Konsumdauer, kann die Konzentration der Botenstoffe
zu diesem Zeitpunkt zum Teil sehr niedrig oder - wie zum
Beispiel beim Rauchen -, die Anzahl bestimmter Rezeptoren
erhöht sein. Die Folge ist ein Gefühl der
Unausgeglichenheit, daß früher beim Dauerkonsumenten den
Gedanken: „ich brauch jetzt meine Droge“ formte. Bei
Gelegenheitskonsumenten ist dieses Gefühl ebenfalls
vorhanden. Der Unterschied zu einem Dauerkonsumenten
besteht lediglich darin, daß der Gelegenheitskonsument
sich bereits an die Unausgeglichenheit gewöhnt hat. Er
steht diese Situation ja jeden Tag, jede Woche oder jeden
Monat durch. Er konsumiert, setzt sich dem Entzug aus,
konsumiert wieder und setzt sich erneut dem Entzug aus
usw. Für den Dauerkonsumenten ist die Erfahrung neu, er
weiß nicht mehr, wie es sich anfühlt, einige Tage keine
Droge zu sich zu nehmen. Das vorerst bleibende Gefühl der
Unausgeglichenheit verunsichert ihn. Hatte er doch
bislang, um dem entgegenzuwirken stets zu seiner Droge
gegriffen. Er hat an diesem Punkt die Wahl. Entweder er
verfällt in Panik oder er akzeptiert die
Unausgeglichenheit in dem Bewußtsein, daß sie von Stunde
zu Stunde weniger wird und bald ganz verschwunden ist.
Bereits von der ersten
Sekunde der Abstinenz an, kann der Konsument mit seinen
„positiven Dopaminhemmern“ experimentieren. Die
Unausgeglichenheit verschwindet – je nach Art und Dauer
der eingenommenen Droge - nach ein paar Tagen. Für einen
angenehmen Umgang mit der Unausgeglichenheit empfiehlt
sich ein schöner Urlaub oder das Imaginieren oder der Sex
mit dem Partner oder nichts tun oder, oder, oder. Fakt
ist, das die Neurotransmitterkonzentration oder die Anzahl
der Rezeptoren nach ein paar Tagen wieder ausgeglichen
ist.
Eine Ausnahme!
The Return of „einmal und
immer wieder“
Wunderbare Tage, Monate
oder sogar Jahre sind seit dem letzten Konsum vergangen.
Der ehemalige Konsument erlebte sie wie eine Neugeburt.
Die Freude darüber, den Wirkmechanismus der Drogen endlich
verstanden zu haben und der Drogenfalle entkommen zu sein,
ist zeitweise unerträglich schön. Das Familienleben hat
einen höheren Stellenwert eingenommen, viel Geld wurde
gespart, Dinge, die vorher langweilig erschienen, werden
jetzt mit Begeisterung erledigt, das Selbstvertrauen ist
gestiegen und nichts scheint einen mehr in die
Abhängigkeit stürzen zu können. Alles ist so, wie es
vorhergesagt wurde.
Doch dann fängt urplötzlich
und aus heiterem Himmel alles wieder von vorn an. Die
Ausgangssituation ist der des allerersten Konsums
verblüffend ähnlich. Auf einer Geburtstagsfeier wird der
Entschluß gefällt, die Droge nur noch einmal zu nehmen. Es
ist ein angenehmes Gefühl. Wie damals, beim ersten Mal.
Nach dem Konsum behält die Erleichterung die Oberhand. Das
war in jedem Fall nur eine Ausnahme. Abhängig? Nie wieder.
Einige Tage vergehen, bis sich erneut die Gelegenheit für
eine Ausnahme bietet. Die Grundstimmung ist noch
ungetrübt. Warum also nicht? Und siehe da, auch dieses Mal
verläuft problemlos. Es folgt die dritte, vierte und
fünfte Ausnahme. Nach ein paar Monaten, in denen die
Drogenkarriere wieder von vorn gestartet ist, folgt
plötzlich ein böses Erwachen. Aus der Traum. Abstinenz?
Nein, so was gibt es nicht und wird es nie geben. Einmal
süchtig immer süchtig.
Die kleine Geschichte steht
für eine Regel, die von keiner Ausnahme bestätigt werden
kann, da es keine Ausnahme gibt. Für ehemalige
Drogenkonsumenten, die darauf nicht vorbereitet sind,
kommt mit nahezu hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit
eines Tages der Moment, in dem sie sich großartig fühlen
und felsenfest von der Unmöglichkeit eines Rückfalls in
alte Zeiten überzeugt sind. Sie wagen es, die Droge nur
ein einziges Mal zu sich zu nehmen.
Leider gibt es für sie ab
diesem Zeitpunkt kein zurück mehr. Der
Standardwirkmechanismus der Droge, wie wir ihn im Kapitel
„einmal und immer wieder“ beschrieben haben setzt ein.
„Das ist doch aber kein
Problem“ werden
Sie jetzt vielleicht denken „der Konsument weiß ja
bereits, wie leicht es ist, wieder aufzuhören“.
Leider liegt genau da das
Problem. Der Konsument verliert nach so einem
„Ausrutscher“ einen großen Teil seiner Zuversicht. Er
bekommt Angst vor dem erneuten Versagen und entscheidet
sich, in den meisten Fällen dafür, es vorerst nicht noch
einmal zu versuchen. Die Schuld dafür sucht und findet er
bei sich selbst. Er fühlt sich schwach und minderwertig.
Ein Abstinenzler ist kein
trockener Drogenkonsument. Er befindet sich in der
gleichen Situation wie ein Mensch, der noch nie Drogen zu
sich genommen hat. Der einzige Unterschied besteht darin,
daß er bereits aus praktischer Erfahrung weiß, wie Drogen
wirken. Der erneute Test einer Droge wirkt auf ihn wie auf
jemanden, der noch nie Drogen genommen hat. Beide machen
es immer wieder.
Es ist daher wichtig für uns zu wissen, daß es beim
Drogenkonsum keine Ausnahmen gibt. Egal ob für einen
ehemaligen Konsumenten oder für einen „Neueinsteiger“.
Denn es gilt immer die Regel ohne Ausnahme: „einmal und
immer wieder“.