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Buch

Einleitung
Teil1 - Phil. Sichtweisen
Teil2 - Wiss. Erklärungen
Teil3 - Lösungen
         Aufhören o. Weiterm.?
         Kein Ende in Sicht?
         Das Suchtgedächtnis
         Allg.Medizin
         Kurz und schmerzlos
         Vom Dunkel ins Licht
         Eine Ausnahme
         Abst. Drogenkonsum
         Zusammenfassung
Teil4 - Standpunkte
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Teil3 - Lösungen - Kurz und schmerzlos

 

Kurz und schmerzlos

 

Oder lang und qualvoll?

 

 

Der Drang, eine Droge zu nehmen entspricht ungefähr dem Drang nach einer Mahlzeit. In beiden Fällen fungiert das Dopamin als Antriebsmotor. Ähnlich wie nach dem Drogenkonsum steigt auch nach dem Essen (siehe Tabelle Essen) der Dopamin- und Serotoninspiegel. Die Folge ist ein gesteigertes Wohlbefinden. Der Antrieb und die anschließende Belohnung sind wichtige Überlebensmechanismen. Ohne sie hätten wir höchst wahrscheinlich gar keine Freude am Essen und würden verhungern. Das hinterhältige an Drogen ist, daß sie das Antriebs- und Belohnungssystem durcheinander bringen. Sie ergaunern sich bei uns dadurch einen fast so hohen Stellenwert wie die Nahrung. Obwohl wir wissen, daß uns Nahrung am Leben erhält und Drogen uns eher am Überleben hindern, geraten unsere armen Transmittersysteme völlig durcheinander. Sie vermitteln uns den Eindruck, Drogen seien ähnlich wichtig wie das „täglich Brot“. Der Gedanke an eine Drogenabstinenz ist für unser Gehirn gleichbedeutend mit dem Gedanken an eine Nahrungsabstinenz. Für Affen oder Ratten ist es an diesem Punkt bereits zu spät. Sie erhalten von ihren Transmittern den „Befehl“, die Droge weiterhin zu konsumieren und können sich nicht dagegen wehren.

Wir haben hingegen die Möglichkeit, jeden unserer Gedanken zu überprüfen und gegebenenfalls zu revidieren. Bedingt durch unsere Transmitter schießen uns die grausigsten Dinge durch den Kopf, wenn wir an eine Abstinenz denken. Sie drücken sich etwa wie folgt aus: „Die Zukunft ist grau ohne Droge“, „ich werde bei dieser und jener Gelegenheit keine Freude mehr empfinden“, „ich werde an unglaublichen Entzugserscheinungen leiden“, „ich kann mich in Zukunft ohne Droge nicht mehr entspannen“, „meine Freunde werden mich nicht mehr sehen wollen“.

 

Wir können daraus drei Hauptgedanken formen:

 

1.       ohne Drogen gibt es keine Belohnung mehr

2.       der Entzug ist schrecklich

3.       das soziale Umfeld verschwindet

 

Gelingt es uns, die drei Gedanken als unwahr zu deklarieren, rauben wir ihnen damit ihre Energie. Der Drang nach der Droge schwächt ab und die Abstinenz wird „kurz uns schmerzlos“ erreicht.

 

1. Ohne Drogen gibt es keine Belohnung mehr

 

Wir wissen bereits, daß sich hinter dem als Belohnung empfundenen Gefühl ganz banal eine erhöhte Konzentration von Neurotransmittern im Gehirn versteckt. Drogen sind in der Lage, dem Menschen ohne großen Aufwand ein solches Gefühl zu bescheren. Doch haben die körpereigenen Botenstoffe tatsächlich darauf gewartet, daß der Mensch die Drogen entdeckt? 

 

Gefühle wie: Entspannung, Entzückung, Vorfreude, Fröhlichkeit oder vereinfacht gesagt das Glück, entstehen mitnichten ausschließlich durch die Einnahme von Drogen. Der Mensch hat unzählige Möglichkeiten, sich einen kostenlosen, ungefährlichen, nebenwirkungsfreien* und manchmal sogar sehr gesunden Drogencocktail selbst zu verabreichen (1). Die gute Nachricht lautet: alles, wofür man sonst mit viel Geld und Gesundheit bezahlt, ist bereits in der körpereigenen Apotheke rezeptfrei erhältlich. Jeder hat körpereigenes Morphium, eigene kokain-ähnliche Stoffe, hirneigenes LSD, eigenes Valium, eigene Antidepressiva, Phantastika oder Aphrodisiaka. Jeder Mensch verfügt über eine Riesenauswahl an körpereigenen Drogen, und kann diese ohne fremde Hilfe gezielt mobilisieren: zur Stimulierung, Ekstase, Kreativität und Beruhigung.

 

 

Ich weiß noch genau, wie ich mir als Jugendlicher beide Arme beim Basketball brach. Die herausstehenden Knochen im Visier lief ich zu Fuß etwa zwei Kilometer bis zum Krankenhaus. Im Nachhinein fragte ich mich des öfteren, wie es sein konnte, daß ein Bruch des Handgelenkes nicht sonderlich weh tut. Man erklärte mir, daß ich einfach unter Schock stand. Heute weiß ich, daß mir in dem Moment als meine Knochen auseinandersplitterten eine große imaginäre Heroinspritze verabreicht wurde. Mein Körper produzierte in Sekundenschnelle eine ungeheure Menge Endorphine und versetzte mich somit in einen schmerzfreien Opiatrausch.

Es ist aber keineswegs so, daß man jedesmal einen Unfall provozieren muß, um diesen Zustand zu erleben. Es ist zwar etwas gewöhnungsbedürftig aber als Fakir, ekstatischer Feuertänzer oder durch fachmännisch angewandte Akupunktur kann man den gleichen Effekt erzielen. Die sanfteste Art, um in den Genuß des individuell zubereiteten Morphiums zu kommen, findet man im Massagesalon. Dort wird durch den beim Rückenkneten erzeugten Gegenschmerz ebenfalls reichlich Endorphin produziert. Sollte einem auch das noch zu umständlich sein, reicht es Chili, Tabasco, Chayennepfeffer, Paprika und Sambal Olek zu essen. Diese exotischen Gewürze enthalten den Scharfmacher Capsaicin, der ein Brennen im Mund hervorruft. Dieses Brennen deutet das Gehirn als Schmerz und schüttet ebenfalls Endorphine aus.

 

Hat man mal die Nase voll von Opiaten, kann man sich zum Beispiel problemlos ein Amphetaminerlebnis gönnen. Mit ein bißchen Überlegung entdeckt man schnell einige Möglichkeiten zur Steigerung des Adrenalinspiegels. Wie zum Beispiel Bergsteigen ohne Seil, nackt durch den Schnee laufen, die Fernsehnachrichten anschauen oder mit der Geisterbahn fahren. 

 

Auch ein Extasyerlebnis ist leicht ohne Droge zu simulieren. Das einzige, was man dafür tun muß, ist eine Zeit lang nichts zu essen. Beim Fasten wird der Abbau von Serotonin im Gehirn gehemmt. Ein freiwillig Hungernder erlebt fast pausenlos das unglaublich schöne Gefühl, daß Freunde der Designerdroge so lieb haben.

 

Als besonders effektive Technik, zur gezielten Freisetzung von körpereigenen Drogen eignet sich das aktive Imaginieren. Imaginieren bedeutet nichts anderes als eine bildhafte Vorstellung oder ein inneres Bild zu entwickeln. Sie kennen das bestimmt: Sie denken an Ihren letzten Urlaub, an Ihren besten Freund, oder an Ihr Elternhaus, und sofort taucht ein fotographieähnliches Bild oder eine filmähnliche Bildsequenz in Ihnen auf. Wenn Sie an eine bestimmte Person denken, haben Sie automatisch eine Art Gedanken-Foto vor Ihrem inneren Auge. Diese Fähigkeit zur bildhaften Vorstellung läßt sich gezielt einsetzen.

Das jeweilige Bild, das man sich in seinem Inneren vorstellt, setzt – ähnlich wie Drogen - ein spezifisches Muster an Botenstoffen frei: sonniger Strand und ruhiges Meer ist ein Bild, das Entspannung bringt und so Botenstoffe wie Endovalium und Serotonin freisetzt. Versucht man sich in seinem inneren Kino besonders emsige, hyperaktive Situationen vorzustellen, dann lassen sich damit Noradrenalin, Dopamin, Adrenalin, die Schilddrüsenhormone, Acetylcholin, etc. freisetzen. Allein durch die Betrachtung dieser inneren Bildsequenzen wird man deutlich munterer, aktiver und kreativitätsfreudiger. Natürlich muß man sich an diese Technik erst gewöhnen. Wichtig ist deshalb, daß viel geübt wird.

 

Doch nicht nur solche, etwas gewöhnungsbedürftigen Aktivitäten verhelfen einem zum gesunden Drogenrausch. Vielmehr sind es die einfachen Dinge des Lebens, die den Weg in eine angenehme Stimmung ebnen. Dinge wie: Essen, Gespräche mit Freunden, ein Kuß, ein Spaziergang, die Verwirklichung von Ideen und Zielen, ein Kinobesuch usw. haben ebenfalls einen natürlichen, nebenwirkungsfreien Einfluß auf die Transmittersysteme. Man kann an einem drogenfreien Abend mit Freunden unendlich viel Spaß haben. Und wenn am nächsten Morgen der Wecker klingelt, muß man sich nicht zehnmal die Lunge aus dem Leib husten, man braucht keine Aspirin und die gute Laune vom Vorabend bleibt noch ein wenig erhalten, da man sich komischerweise auch mal an das Geschehene erinnern kann.

 

„Und wo ist der Haken?“

 

Ich kann mich noch gut an meine „Drogenzeit“ erinnern. Die gerade aufgezählten Dinge bereiteten mir vielleicht ein wenig Freude, aber ich empfand sie nicht als drogenähnlich. Die einzige Entspannung, Lust oder Freude boten mir die Drogen. Und so hatte ich lediglich ein müdes Lächeln für diejenigen übrig, die mir erzählen wollten, daß ein Kinobesuch, ein „langweiliger“ Kartenspielabend oder Sport, wunderbare Gefühle erwecken. Leider übersah ich dabei, daß mich diese Menschen ebenso belächelten und mich manche sogar für mein Festhalten an der Droge bemitleideten.

Wir wissen bereits von der allgemeinen Drogenwirkung. Sie läuft immer nach demselben Schema ab: Zuerst Bereicherung mit anschließender Senkung des allgemeinen Wohlbefindens. Dann, bei erneuter Einnahme, wieder Steigerung des Wohlbefindens inklusive drastischer Senkung usw. Die Genialität der Droge liegt lediglich in dem Punkt, daß sie den Konsumenten bis hin zu dessen Abstinenz oder Tod in dem Glauben läßt, eine tatsächliche Bereicherung für ihn zu sein. Er merkt dabei nicht, daß die Bereicherung ausschließlich daraus besteht, das allgemein geschwächte Wohlbefinden kurzfristig anzuheben. Dadurch, daß sich ein Drogenkonsument in einer allgemein schlechteren Grundstimmung befindet – sprich: die Neurotransmitterkonzentration ist gesenkt – stellen die „alltäglichen Dinge“ keine echte Bereicherung mehr für ihn dar. Sie dienen lediglich dazu, seine Grundstimmung auf Normalniveau anzuheben.

Um Ereignisse wie: ein Kartenspielabend mit Freunden und ohne Drogen genießen zu können, ist es lediglich notwendig keine Drogen mehr zu nehmen. Die allgemeine Grundstimmung beziehungsweise die Konzentration der Botenstoffe steigt innerhalb kurzer Zeit nach dem letzten Konsum wieder auf ein normales Level.

Und der ehemalige Konsument beginnt langsam aber sicher wieder aufzublühen. Der Alltag wir bunter und erträglicher. Der Konsument erwacht aus dem Reich der Toten und bekommt erneut die Möglichkeit, seinen eigenen Sinn des Lebens zu erforschen.

 

„Wie ist das denn wieder gemeint?“

 

Ganz einfach! Es ist leicht, sich einen kurzfristigen Kick zu verpassen. Ob mit oder ohne Drogen. Doch sind nicht alle Menschen in irgendeiner Art und Weise auf der Suche nach dem längerfristigen Glück? Dafür ist es wichtig, neue Dinge im Leben auszuprobieren, sich den Herausforderungen zu stellen und Probleme zu lösen. Oder - neurobiologisch gesprochen –, die komplizierten Verschaltungen der rund 100 Milliarden Nervenzellen im Gehirn zu nutzen und neue Verschaltungsmuster zu verankern. Wenn zum Beispiel ein vierzigjähriger zum ersten Mal in seinem Leben joggen geht, werden in seinem Gehirn neue neuronale Netze aktiviert. Drogenkonsumenten haben das Pech, sich zum einen aktiv an der Reduzierung der Nervenzellen zu beteiligen und sich zum anderen, durch einen häufigen Dopaminmangel (Trägheit) selbst an der Lösung von Problemen zu hindern und nicht die „Kraft“ zu haben, sich neuen Herausforderungen zu stellen. Ein langfristiges Glück ist somit für einen Drogenkonsumenten nur schwer erreichbar.

 

Zusammengefaßt können wir sagen: das Leben nach dem letzten Drogenkonsum ist nicht grau sondern eindeutig bunt. Der Konsument verliert nichts. Er gewinnt etwas dazu. Die neue Grundeinstellung sollte daher nicht mehr lauten: „Oh mein Gott, wie soll ich meine Zukunft nur ohne Droge überstehen?“, sondern: „Ein Glück, daß ich keine Drogen mehr nehmen muß!“

 

2. Der Entzug ist schrecklich

 

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