Der Drang, eine Droge zu
nehmen entspricht ungefähr dem Drang nach einer Mahlzeit.
In beiden Fällen fungiert das Dopamin als Antriebsmotor.
Ähnlich wie nach dem Drogenkonsum steigt auch nach dem
Essen (siehe Tabelle Essen) der Dopamin- und
Serotoninspiegel. Die Folge ist ein gesteigertes
Wohlbefinden. Der Antrieb und die anschließende Belohnung
sind wichtige Überlebensmechanismen. Ohne sie hätten wir
höchst wahrscheinlich gar keine Freude am Essen und würden
verhungern. Das hinterhältige an Drogen ist, daß sie das
Antriebs- und Belohnungssystem durcheinander bringen. Sie
ergaunern sich bei uns dadurch einen fast so hohen
Stellenwert wie die Nahrung. Obwohl wir wissen, daß uns
Nahrung am Leben erhält und Drogen uns eher am Überleben
hindern, geraten unsere armen Transmittersysteme völlig
durcheinander. Sie vermitteln uns den Eindruck, Drogen
seien ähnlich wichtig wie das „täglich Brot“. Der Gedanke
an eine Drogenabstinenz ist für unser Gehirn
gleichbedeutend mit dem Gedanken an eine
Nahrungsabstinenz. Für Affen oder Ratten ist es an diesem
Punkt bereits zu spät. Sie erhalten von ihren Transmittern
den „Befehl“, die Droge weiterhin zu konsumieren und
können sich nicht dagegen wehren.
Wir haben hingegen die
Möglichkeit, jeden unserer Gedanken zu überprüfen und
gegebenenfalls zu revidieren. Bedingt durch unsere
Transmitter schießen uns die grausigsten Dinge durch den
Kopf, wenn wir an eine Abstinenz denken. Sie drücken sich
etwa wie folgt aus: „Die Zukunft ist grau ohne Droge“,
„ich werde bei dieser und jener Gelegenheit keine Freude
mehr empfinden“, „ich werde an unglaublichen
Entzugserscheinungen leiden“, „ich kann mich in Zukunft
ohne Droge nicht mehr entspannen“, „meine Freunde werden
mich nicht mehr sehen wollen“.
Gelingt es uns, die drei
Gedanken als unwahr zu deklarieren, rauben wir ihnen damit
ihre Energie. Der Drang nach der Droge schwächt ab und die
Abstinenz wird „kurz uns schmerzlos“ erreicht.
Wir wissen bereits, daß
sich hinter dem als Belohnung empfundenen Gefühl ganz
banal eine erhöhte Konzentration von Neurotransmittern im
Gehirn versteckt. Drogen sind in der Lage, dem Menschen
ohne großen Aufwand ein solches Gefühl zu bescheren. Doch
haben die körpereigenen Botenstoffe tatsächlich darauf
gewartet, daß der Mensch die Drogen entdeckt?
Gefühle wie: Entspannung,
Entzückung, Vorfreude, Fröhlichkeit oder vereinfacht
gesagt das Glück, entstehen mitnichten ausschließlich
durch die Einnahme von Drogen. Der Mensch hat unzählige
Möglichkeiten, sich einen kostenlosen, ungefährlichen,
nebenwirkungsfreien* und manchmal sogar sehr gesunden
Drogencocktail selbst zu verabreichen (1).
Die gute Nachricht lautet: alles, wofür man sonst mit viel
Geld und Gesundheit bezahlt, ist bereits in der
körpereigenen Apotheke rezeptfrei erhältlich. Jeder hat
körpereigenes Morphium, eigene kokain-ähnliche Stoffe,
hirneigenes LSD, eigenes Valium, eigene Antidepressiva,
Phantastika oder Aphrodisiaka. Jeder Mensch verfügt über
eine Riesenauswahl an körpereigenen Drogen, und kann diese
ohne fremde Hilfe gezielt mobilisieren: zur Stimulierung,
Ekstase, Kreativität und Beruhigung.
Ich weiß noch genau, wie
ich mir als Jugendlicher beide Arme beim Basketball brach.
Die herausstehenden Knochen im Visier lief ich zu Fuß etwa
zwei Kilometer bis zum Krankenhaus. Im Nachhinein fragte
ich mich des öfteren, wie es sein konnte, daß ein Bruch
des Handgelenkes nicht sonderlich weh tut. Man erklärte
mir, daß ich einfach unter Schock stand. Heute weiß ich,
daß mir in dem Moment als meine Knochen
auseinandersplitterten eine große imaginäre Heroinspritze
verabreicht wurde. Mein Körper produzierte in
Sekundenschnelle eine ungeheure Menge Endorphine und
versetzte mich somit in einen schmerzfreien Opiatrausch.
Es ist aber keineswegs so,
daß man jedesmal einen Unfall provozieren muß, um diesen
Zustand zu erleben. Es ist zwar etwas gewöhnungsbedürftig
aber als Fakir, ekstatischer Feuertänzer oder durch
fachmännisch angewandte Akupunktur kann man den gleichen
Effekt erzielen. Die sanfteste Art, um in den Genuß des
individuell zubereiteten Morphiums zu kommen, findet man
im Massagesalon. Dort wird durch den beim Rückenkneten
erzeugten Gegenschmerz ebenfalls reichlich Endorphin
produziert. Sollte einem auch das noch zu umständlich
sein, reicht es Chili, Tabasco, Chayennepfeffer, Paprika
und Sambal Olek zu essen. Diese exotischen Gewürze
enthalten den Scharfmacher Capsaicin, der ein Brennen im
Mund hervorruft. Dieses Brennen deutet das Gehirn als
Schmerz und schüttet ebenfalls Endorphine aus.
Hat man mal die Nase voll
von Opiaten, kann man sich zum Beispiel problemlos ein
Amphetaminerlebnis gönnen. Mit ein bißchen Überlegung
entdeckt man schnell einige Möglichkeiten zur Steigerung
des Adrenalinspiegels. Wie zum Beispiel Bergsteigen ohne
Seil, nackt durch den Schnee laufen, die
Fernsehnachrichten anschauen oder mit der Geisterbahn
fahren.
Auch ein Extasyerlebnis
ist leicht ohne Droge zu simulieren. Das einzige, was man
dafür tun muß, ist eine Zeit lang nichts zu essen. Beim
Fasten wird der Abbau von Serotonin im Gehirn gehemmt. Ein
freiwillig Hungernder erlebt fast pausenlos das
unglaublich schöne Gefühl, daß Freunde der Designerdroge
so lieb haben.
Als besonders effektive
Technik, zur gezielten Freisetzung von körpereigenen
Drogen eignet sich das aktive Imaginieren. Imaginieren
bedeutet nichts anderes als eine bildhafte Vorstellung
oder ein inneres Bild zu entwickeln. Sie kennen das
bestimmt: Sie denken an Ihren letzten Urlaub, an Ihren
besten Freund, oder an Ihr Elternhaus, und sofort taucht
ein fotographieähnliches Bild oder eine filmähnliche
Bildsequenz in Ihnen auf. Wenn Sie an eine bestimmte
Person denken, haben Sie automatisch eine Art
Gedanken-Foto vor Ihrem inneren Auge. Diese Fähigkeit zur
bildhaften Vorstellung läßt sich gezielt einsetzen.
Das jeweilige Bild, das
man sich in seinem Inneren vorstellt, setzt – ähnlich wie
Drogen - ein spezifisches Muster an Botenstoffen frei:
sonniger Strand und ruhiges Meer ist ein Bild, das
Entspannung bringt und so Botenstoffe wie Endovalium und
Serotonin freisetzt. Versucht man sich in seinem inneren
Kino besonders emsige, hyperaktive Situationen
vorzustellen, dann lassen sich damit Noradrenalin, Dopamin,
Adrenalin, die Schilddrüsenhormone, Acetylcholin, etc.
freisetzen. Allein durch die Betrachtung dieser inneren
Bildsequenzen wird man deutlich munterer, aktiver und
kreativitätsfreudiger. Natürlich muß man sich an diese
Technik erst gewöhnen. Wichtig ist deshalb, daß viel geübt
wird.
Doch nicht nur solche,
etwas gewöhnungsbedürftigen Aktivitäten verhelfen einem
zum gesunden Drogenrausch. Vielmehr sind es die einfachen
Dinge des Lebens, die den Weg in eine angenehme Stimmung
ebnen. Dinge wie: Essen, Gespräche mit Freunden, ein Kuß,
ein Spaziergang, die Verwirklichung von Ideen und Zielen,
ein Kinobesuch usw. haben ebenfalls einen natürlichen,
nebenwirkungsfreien Einfluß auf die Transmittersysteme.
Man kann an einem drogenfreien Abend mit Freunden
unendlich viel Spaß haben. Und wenn am nächsten Morgen der
Wecker klingelt, muß man sich nicht zehnmal die Lunge aus
dem Leib husten, man braucht keine Aspirin und die gute
Laune vom Vorabend bleibt noch ein wenig erhalten, da man
sich komischerweise auch mal an das Geschehene erinnern
kann.
„Und wo ist der Haken?“
Ich kann mich noch gut an
meine „Drogenzeit“ erinnern. Die gerade aufgezählten Dinge
bereiteten mir vielleicht ein wenig Freude, aber ich
empfand sie nicht als drogenähnlich. Die einzige
Entspannung, Lust oder Freude boten mir die Drogen. Und so
hatte ich lediglich ein müdes Lächeln für diejenigen
übrig, die mir erzählen wollten, daß ein Kinobesuch, ein
„langweiliger“ Kartenspielabend oder Sport, wunderbare
Gefühle erwecken. Leider übersah ich dabei, daß mich diese
Menschen ebenso belächelten und mich manche sogar für mein
Festhalten an der Droge bemitleideten.
Wir wissen bereits von der
allgemeinen Drogenwirkung. Sie läuft immer nach demselben
Schema ab: Zuerst Bereicherung mit anschließender Senkung
des allgemeinen Wohlbefindens. Dann, bei erneuter
Einnahme, wieder Steigerung des Wohlbefindens inklusive
drastischer Senkung usw. Die Genialität der Droge liegt
lediglich in dem Punkt, daß sie den Konsumenten bis hin zu
dessen Abstinenz oder Tod in dem Glauben läßt, eine
tatsächliche Bereicherung für ihn zu sein. Er merkt dabei
nicht, daß die Bereicherung ausschließlich daraus besteht,
das allgemein geschwächte Wohlbefinden kurzfristig
anzuheben. Dadurch, daß sich ein Drogenkonsument in einer
allgemein schlechteren Grundstimmung befindet – sprich:
die Neurotransmitterkonzentration ist gesenkt – stellen
die „alltäglichen Dinge“ keine echte Bereicherung mehr für
ihn dar. Sie dienen lediglich dazu, seine Grundstimmung
auf Normalniveau anzuheben.
Um Ereignisse wie: ein
Kartenspielabend mit Freunden und ohne
Drogen genießen zu können, ist es lediglich notwendig
keine Drogen mehr zu nehmen. Die allgemeine
Grundstimmung beziehungsweise die Konzentration der
Botenstoffe steigt innerhalb kurzer Zeit nach dem letzten
Konsum wieder auf ein normales Level.
Und der ehemalige
Konsument beginnt langsam aber sicher wieder aufzublühen.
Der Alltag wir bunter und erträglicher. Der Konsument
erwacht aus dem Reich der Toten und bekommt erneut die
Möglichkeit, seinen eigenen Sinn des Lebens zu erforschen.
„Wie ist das denn
wieder gemeint?“
Ganz einfach! Es ist
leicht, sich einen kurzfristigen Kick zu verpassen. Ob mit
oder ohne Drogen. Doch sind nicht alle Menschen in
irgendeiner Art und Weise auf der Suche nach dem
längerfristigen Glück? Dafür ist es wichtig, neue Dinge im
Leben auszuprobieren, sich den Herausforderungen zu
stellen und Probleme zu lösen. Oder - neurobiologisch
gesprochen –, die komplizierten Verschaltungen der rund
100 Milliarden Nervenzellen im Gehirn zu nutzen und neue
Verschaltungsmuster zu verankern. Wenn zum Beispiel ein
vierzigjähriger zum ersten Mal in seinem Leben joggen
geht, werden in seinem Gehirn neue neuronale Netze
aktiviert.
Drogenkonsumenten haben das Pech, sich zum einen aktiv an
der Reduzierung der Nervenzellen zu beteiligen und sich
zum anderen, durch einen häufigen Dopaminmangel (Trägheit)
selbst an der Lösung von Problemen zu hindern und nicht
die „Kraft“ zu haben, sich neuen Herausforderungen zu
stellen. Ein langfristiges Glück ist somit für einen
Drogenkonsumenten nur schwer erreichbar.
Zusammengefaßt können
wir sagen: das Leben nach dem letzten Drogenkonsum ist
nicht grau sondern eindeutig bunt. Der Konsument verliert
nichts. Er gewinnt etwas dazu. Die neue Grundeinstellung
sollte daher nicht mehr lauten: „Oh mein Gott, wie soll
ich meine Zukunft nur ohne Droge überstehen?“, sondern:
„Ein Glück, daß ich keine Drogen mehr nehmen muß!“