Ebenso viele Fragen, wie
diese und ähnliche Experimente beantworten, fördern sie
auch wieder ans Tageslicht. Denn: Was ist denn jetzt mit
mir? Ich war eindeutig süchtig, bin es jetzt aber ebenso
eindeutig nicht mehr und werde es auch eindeutig nie
wieder sein. Habe ich demzufolge etwa kein
„Suchtgedächtnis“? Habe ich mein „Suchtgedächtnis“ durch
den häufigen Drogenkonsum zerstört? Oder bin ich etwa gar
keine Ratte?
Ja, die Fakten sprechen
dafür. Ich bin in der Tat keine Ratte. Ich bin größer,
kann sprechen, trage eine Brille, habe keinen Schwanz am
Hintern und zu allem Überfuß kann ich auch noch logisch
denken und werde – im Gegensatz zu Ratten - als
Vernunftwesen bezeichnet. Schade eigentlich. Das beweist
aber noch lange nicht, daß ich kein „Suchtgedächtnis“
habe. Doch wo finde ich es? Und was hat es wirklich damit
auf sich?
Wir haben das Dopamin als
einen Antriebsmotor im Gehirn des Menschen entdeckt. Es
sorgt dafür, daß bei jeder, sich bietenden Gelegenheit,
eine Droge zu konsumieren, die innere Stimme sagt: „Mach
schon! Nimm es!“. Als Gelegenheit haben wir eine Situation
bezeichnet, die der ähnlich ist, bei der bereits in der
Vergangenheit erfolgreich zur Droge gegriffen wurde. Die
Anzahl, der im Gehirn gespeicherten Gelegenheiten, richtet
sich folglich nach der Häufigkeit des Drogenkonsums. Ein
Kettenraucher hat mehr solcher Situationen, als ein
Gelegenheitskokser. Im Zuge der erhöhten
Dopaminkonzentration entsteht beim Konsumenten automatisch
ein Gefühl der „Lust auf Drogen“. Es ist schwer für ihn,
dieses Gefühl abzuschalten und er spürt die Machtlosigkeit
gegenüber dem „inneren Drang“ die Droge einnehmen zu
müssen. Wir – bzw. die Forscher - bezeichnen diesen Drang
als „Suchtgedächtnis“.
Die Frage, die sich
jetzt aufdrängt lautet: „Warum hat ein Teil der ehemaligen
Drogenkonsumenten scheinbar kein „Suchtgedächtnis“?“
Ich habe Ihnen weiter oben
erzählt, daß ich im Bezug auf Kokain so genannte
Dopaminhemmer eingesetzt habe. Ich wollte nicht die
Kontrolle verlieren. Ich schwor mir, Kokain nur sehr
selten zu konsumieren. Ich setzte bei jeder, sich
bietenden Gelegenheit, dem aufkommenden Verlangen meine
Angst vor der Abhängigkeit entgegen. Die
Dopaminkonzentration habe ich auf diesem Weg verringert
und mir die Lust auf die Droge genommen. Leider war der
Einsatz meiner Willenskraft nicht von langfristigem Erfolg
gekrönt. Es ergaben sich immer häufiger sogenannte
Ausnahmesituationen. Mit einer entsprechenden inneren
Rechtfertigung wie zum Beispiel: „einmal mehr schadet
bestimmt nicht“. Das Resultat einer solchen Ausnahme war
ein neuer Eintrag in mein „Suchtgedächtnis“.
Jeder willentlich
herbeigeführte Einsatz von Dopaminhemmern kostet viel
Kraft und Energie und bewirkt leider keine Löschung des
„Suchtgedächtnisses“.
Und dennoch: Wir sind
weder Nager noch Affen. Im Gegensatz zu unseren tierischen
Kollegen haben wir die Möglichkeit, uns Strategien im
Umgang mit unserem „Suchtgedächtnis“ einfallen zu lassen.
Wir sind nicht gezwungen, eine Verhaltensweise, die unser
Überleben gefährdet fortzuführen.
Ja, wir können aufhören! Ja, das Ende ist in Sicht!