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Buch

Einleitung
Teil1 - Phil. Sichtweisen
Teil2 - Wiss. Erklärungen
         Im Kopf
         Wiss. Gewohnheitsfrage
         Wiss. Schuldfrage
         Wiss. Ergr. d. Schlechten
         Zusammenfassung
Teil3 - Lösungen
Teil4 - Standpunkte
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Teil2 - Wissenschaftliche Erklärungen - Wissenschaftliche Schuldfrage

 

Wissenschaftliche Schuldfrage

 

Drogen vor Gericht

 

 

Wir haben herausgefunden, daß das soziale Umfeld einen entscheidenden Einfluß auf die spätere Drogenkarriere hat. Um den Konsumenten in spe „weich“ zu kochen, werden ihm die unglaublichsten Geschichten aufgetischt. Da heißt es, Cannabis erweitere den geistigen Horizont. Alkohol vertreibt Kummer und Sorgen, Nikotin baut Streß ab, Kokain fördere die Kreativität, Rotwein verlängert das Leben, ein gute Party geht nicht ohne Speed oder Ecstasy, Alkohol und Zigaretten schmecken einfach gut und den wahren Kick holt man sich vom Heroin. Hört man diese und ähnliche Geschichten oft genug, fängt man mit der Zeit an, sie zu glauben. Wird die Droge dann konsumiert, scheinen sich die Versprechungen tatsächlich zu bewahrheiten.

 

In unserem philosophischen Teil sind wir der Sache mit den bösen Freunden bereits auf den Grund gegangen. Wir haben herausgefunden, daß es die Droge war, die ihnen den Kopf „gewaschen“ hat. Sie hat unsere Freunde zu einer potentiellen Gefahr für unser Leben gemacht. Wir haben dieses Phänomen (eigentlich sind Freunde keine Gefahr für das eigene Leben) damit versucht zu erklären, daß der erste Mensch, der eine Droge konsumiert hat, kein soziales Umfeld hatte, welches die Droge bereits einnahm und schön reden konnte. Demzufolge müssen die heute erzählten Geschichten eindeutig von den Drogen selbst stammen. Unsere anstehende Aufgabe ist es, die aktuell kursierenden Geschichten eindeutig - auf wissenschaftlicher Grundlage - dem Wirkmechanismus der jeweiligen Droge zuzuordnen.   

 

Beginnen wir mit dem Nikotin und der wohl bekanntesten Aussage: „rauchen vermindert Streß und wirkt beruhigend“. Wenn wir einen Blick auf die beteiligten Neurotransmitter bei dem Nikotinkonsum werfen, fällt uns auf, daß beim Rauchen in der Tat alle Neurotransmitter beeinflußt werden, die emotional von Bedeutung sind. Es wundert daher auch nicht weiter, daß uns bei jeder Zigarette ein wahrer Gefühlscocktail übermannt. Nikotin, so Professor Lutz Schmidt aus Berlin, stößt im Gehirn die gesamte Breite der Neuromodulatoren an und wirkt wie der Dirigent in einem Konzert auf viele Instrumente ein. Durch die Freisetzung des Dopamins, gleicht das Rauchen der Ausführung existentiell bedeutender Handlungen. Nikotin löst ebenso eine wohlige Gefühlskaskade im Belohnungszentrum des Gehirns aus und beglückt den Raucher ähnlich wie bei einem Kuß oder beim Essen. „Na wenn das keinen Streß abbaut?“

 

„Alkohol vertreibt Kummer und Sorgen“. Genauso ist es! Alkohol hemmt den Abbau von Serotonin und Dopamin. Für das Vertreiben von Kummer und Sorgen spielt vor allem das Serotonin eine entscheidende Rolle. Seine antidepressive und stimmungsverbessernde Wirkung zeigt sich beim Alkoholkonsum ganz deutlich. Das ist aber bekanntlich nicht alles, was uns der Alkohol zu bieten hat. Er wirkt, wie das Nikotin auf fast alle Transmittersysteme. In größeren Mengen hat Alkohol eine zunehmend betäubende Wirkung auf die Rezeptoren. Er „benebelt“ sozusagen die Sinne. Wenn die Sinne betäubt und benebelt sind ist es nachvollziehbar schwerer, sich an seine Sorgen und Nöte zu erinnern.

 

„Cannabis erweitert den Horizont“. Auch diese Aussage ist mehr als richtig. Es zeigte sich, daß die Cannabinoide eine Zensurschwäche gegenüber Sinneseindrücken bewirken. Man konnte mit komplizierten wahrnehmungspsychologischen Tests nachweisen, daß die Fähigkeit des visuellen Systems, bestimmte unpassende räumliche Wahrnehmungen wegzuretuschieren, durch Cannabinoide behindert wird. Über die Cannabinoidrezeptoren im Hippocampus wird das Komparatorsystem inaktiviert. Die unter Cannabiseinfluß erlebten besonderen Sinneseindrücke sind hyperreale, unretuschierte Bilder, die der „normale“ Mensch gar nicht wahrnehmen kann. Das Wahrnehmen von Dingen, die dem „normalen“ Menschen verborgen bleiben, läßt damit den Schluß zu, Cannabis erweitere den Horizont und das Bewußtsein.

 

„Kokain fördert die Kreativität“. Korrekt! Kokain hat die Eigenschaft, den Abbau von Neurotransmittern wie Dopamin, Serotonin, Noradrenalin und Adrenalin zu verhindern. Die dauerhaft hohe Konzentration von Noradrenalin und Adrenalin im Gehirn versetzt den Konsumenten in eine Art Daueralarmbereitschaft. Wichtige Körperfunktionen des fight/flight/fright-Urinstinkts sind aktiviert. Die Aufmerksamkeit und das Selbstbewußtsein sind gesteigert. Die Konzentration ist erhöht, das Streßempfinden ist gemindert und das Selbstbewußtsein ist gestärkt. Die zusätzlich erhöhte Konzentration von Serotonin bewirkt ein wohlig, angenehmes Gefühl. Das beteiligte Dopamin macht wach. Da bei einer Einnahme von Kokain im heimischen Atelier kein feindlicher Angriff zu erwarten ist, können die aktivierten Körperfunktionen für kreative Zwecke genutzt werden.

 

„Rotwein verringert das Herzinfarktrisiko“. Man fand heraus, daß die im Rotwein enthaltenen Phenole das Herzinfarktrisiko mindern. Das verminderte Risiko, an einem Herzinfarkt zu sterben, wird zwar vom Konsumenten nicht als direkte Folge der Drogeneinnahme wahrgenommen, aber wozu haben wir unsere Wissenschaftler? Fakt ist, die Aussage stimmt.

 

„Keine Party ohne Speed oder/und Ecstasy“. Auch dieses Argument ist gut nachvollziehbar. Speed (Amphetamin) schüttet kräftig Dopamin, Noradrenalin und Adrenalin aus. Was die Ausschüttung von Noradrenalin und Adrenalin bewirkt, haben wir gerade am Beispiel von Kokain besprochen. Der Körper ist topfit und durch die verminderte Gefahr, angegriffen zu werden, kann diese Energie wunderbar ins Tanzbein umgeleitet werden. Die Einnahme von Ecstasy bewirkt zusätzlich die Ausschüttung einer großen Ladung Serotonin. Ein unbeschreibliches Gefühl der Liebe zu allem und jedem entsteht. Diese Wirkungen sind ein Garant für eine gelungene Party.

 

„Alkohol und Nikotin schmecken“. Im ersten Teil war die Rede vom Husten nach der ersten Zigarette und dem Verziehen des Gesichtes nach dem ersten Schluck Alkohol. Das ist aber kein Grund dafür, nicht später, wenn man sich daran gewöhnt hat, zu sagen: es schmeckt! Und genau da liegt ein Grund für den guten Geschmack: man gewöhnt sich daran. Obwohl es niemandem zu raten ist, puren Alkohol zu trinken – hat keinen Geschmack, brennt nur fürchterlich und ist zudem tödlich – haben die Getränkehersteller in letzter Zeit viel Kreativität bewiesen. Erhältlich sind mittlerweile Getränke, bei denen man nicht einmal mehr merkt, daß sie Alkohol enthalten. Eine ordentliche Portion Zucker und ein wenig Geschmacksverstärker lassen diese Getränke wahrhaftig gut schmecken. Da behaupte noch eine Frau auf der Welt, Alkohol ist zu bitter und schmeckt nicht.

  

„Heroin gibt den einzig wahren Kick im Leben“. Auch diese Aussage ist 100% richtig. Die im Heroin enthaltenen Opiate haben eine ähnliche Struktur wie die körpereigenen Endorphine. Wie wir bereits wissen, lassen Endorphine Schmerz und Angst kaum spüren und schärfen gleichzeitig die Wahrnehmung. Als natürliches Antistreßmittel stärken Endorphine außerdem die Abwehrkräfte und sorgen in Grenzsituationen für eine Gelassenheit, die sich zu rauschhafter Heiterkeit steigern kann. Die im Heroin enthaltenen Opiate haben wiederum die Eigenschaft, vielfach stärker zu sein als die Endorphine. Die zusätzliche Hemmung des Noradrenalinabbaus, mit der daraus resultierenden hohen Dopaminkonzentration, gibt dem Heroinerlebnis noch den letzten Schliff. Der Konsument erlebt einen unglaublichen Kick.

 

So, alle wichtigen Beweise sind erbracht. Die Einnahme der Drogen verleitet tatsächlich zu den berühmt-berüchtigten Aussagen. Drogen sind verantwortlich für den ungewollten Werteverfall unserer Freunde. Schuldig im Sinne der Anklage. Bitte abführen.

 

Einspruch euer Ehren! Sie können den Angeklagten nicht abführen. Seine Schuld an den Aussagen der Freunde ist erwiesen. Das allein rechtfertigt aber keine Verurteilung. Nach der bisherigen Beweislage sieht es eher so aus, als tue der Angeklagte der Menschheit einen Gefallen.

 

Einspruch stattgegeben. Die Verhandlung wird auf das nächste Kapitel vertagt.

 

 

 

 

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