Wir haben herausgefunden,
daß das soziale Umfeld einen entscheidenden Einfluß auf
die spätere Drogenkarriere hat. Um den Konsumenten in spe
„weich“ zu kochen, werden ihm die unglaublichsten
Geschichten aufgetischt. Da heißt es, Cannabis erweitere
den geistigen Horizont. Alkohol vertreibt Kummer und
Sorgen, Nikotin baut Streß ab, Kokain fördere die
Kreativität, Rotwein verlängert das Leben, ein gute Party
geht nicht ohne Speed oder Ecstasy, Alkohol und Zigaretten
schmecken einfach gut und den wahren Kick holt man sich
vom Heroin. Hört man diese und ähnliche Geschichten oft
genug, fängt man mit der Zeit an, sie zu glauben. Wird die
Droge dann konsumiert, scheinen sich die Versprechungen
tatsächlich zu bewahrheiten.
In unserem philosophischen
Teil sind wir der Sache mit den bösen Freunden bereits auf
den Grund gegangen. Wir haben herausgefunden, daß es die
Droge war, die ihnen den Kopf „gewaschen“ hat. Sie hat
unsere Freunde zu einer potentiellen Gefahr für unser
Leben gemacht. Wir haben dieses Phänomen (eigentlich sind
Freunde keine Gefahr für das eigene Leben) damit versucht
zu erklären, daß der erste Mensch, der eine Droge
konsumiert hat, kein soziales Umfeld hatte, welches die
Droge bereits einnahm und schön reden konnte. Demzufolge
müssen die heute erzählten Geschichten eindeutig von den
Drogen selbst stammen. Unsere anstehende Aufgabe ist es,
die aktuell kursierenden Geschichten eindeutig - auf
wissenschaftlicher Grundlage - dem Wirkmechanismus der
jeweiligen Droge zuzuordnen.
Beginnen wir mit dem
Nikotin und der wohl bekanntesten Aussage: „rauchen
vermindert Streß und wirkt beruhigend“. Wenn wir einen
Blick auf die beteiligten Neurotransmitter bei dem
Nikotinkonsum werfen, fällt uns auf, daß beim Rauchen in
der Tat alle Neurotransmitter beeinflußt werden, die
emotional von Bedeutung sind. Es wundert daher auch nicht
weiter, daß uns bei jeder Zigarette ein wahrer
Gefühlscocktail übermannt. Nikotin, so Professor Lutz
Schmidt aus Berlin, stößt im Gehirn die gesamte Breite der
Neuromodulatoren an und wirkt wie der Dirigent in einem
Konzert auf viele Instrumente ein. Durch die Freisetzung
des Dopamins, gleicht das Rauchen der Ausführung
existentiell bedeutender Handlungen. Nikotin löst ebenso
eine wohlige Gefühlskaskade im Belohnungszentrum des
Gehirns aus und beglückt den Raucher ähnlich wie bei einem
Kuß oder beim Essen. „Na wenn das keinen Streß abbaut?“
„Alkohol vertreibt Kummer
und Sorgen“.
Genauso ist es! Alkohol hemmt den Abbau von Serotonin und
Dopamin. Für das Vertreiben von Kummer und Sorgen spielt
vor allem das Serotonin eine entscheidende Rolle. Seine
antidepressive und stimmungsverbessernde Wirkung zeigt
sich beim Alkoholkonsum ganz deutlich. Das ist aber
bekanntlich nicht alles, was uns der Alkohol zu bieten
hat. Er wirkt, wie das Nikotin auf fast alle
Transmittersysteme. In größeren Mengen hat Alkohol eine
zunehmend betäubende Wirkung auf die Rezeptoren. Er
„benebelt“ sozusagen die Sinne. Wenn die Sinne betäubt und
benebelt sind ist es nachvollziehbar schwerer, sich an
seine Sorgen und Nöte zu erinnern.
„Cannabis erweitert den
Horizont“. Auch
diese Aussage ist mehr als richtig. Es zeigte sich, daß
die Cannabinoide eine Zensurschwäche gegenüber
Sinneseindrücken bewirken. Man konnte mit komplizierten
wahrnehmungspsychologischen Tests nachweisen, daß die
Fähigkeit des visuellen Systems, bestimmte unpassende
räumliche Wahrnehmungen wegzuretuschieren, durch
Cannabinoide behindert wird. Über die
Cannabinoidrezeptoren im Hippocampus wird das
Komparatorsystem inaktiviert. Die unter Cannabiseinfluß
erlebten besonderen Sinneseindrücke sind hyperreale,
unretuschierte Bilder, die der „normale“ Mensch gar nicht
wahrnehmen kann. Das Wahrnehmen von Dingen, die dem
„normalen“ Menschen verborgen bleiben, läßt damit den
Schluß zu, Cannabis erweitere den Horizont und das
Bewußtsein.
„Kokain fördert die
Kreativität“.
Korrekt! Kokain hat die Eigenschaft, den Abbau von
Neurotransmittern wie Dopamin, Serotonin, Noradrenalin und
Adrenalin zu verhindern. Die dauerhaft hohe Konzentration
von Noradrenalin und Adrenalin im Gehirn versetzt den
Konsumenten in eine Art Daueralarmbereitschaft. Wichtige
Körperfunktionen des fight/flight/fright-Urinstinkts sind
aktiviert. Die Aufmerksamkeit und das Selbstbewußtsein
sind gesteigert. Die Konzentration ist erhöht, das
Streßempfinden ist gemindert und das Selbstbewußtsein ist
gestärkt. Die zusätzlich erhöhte Konzentration von
Serotonin bewirkt ein wohlig, angenehmes Gefühl. Das
beteiligte Dopamin macht wach. Da bei einer Einnahme von
Kokain im heimischen Atelier kein feindlicher Angriff zu
erwarten ist, können die aktivierten Körperfunktionen für
kreative Zwecke genutzt werden.
„Rotwein verringert das
Herzinfarktrisiko“.
Man fand heraus, daß die im Rotwein enthaltenen Phenole
das Herzinfarktrisiko mindern. Das verminderte Risiko, an
einem Herzinfarkt zu sterben, wird zwar vom Konsumenten
nicht als direkte Folge der Drogeneinnahme wahrgenommen,
aber wozu haben wir unsere Wissenschaftler? Fakt ist, die
Aussage stimmt.
„Keine Party ohne Speed
oder/und Ecstasy“.
Auch dieses Argument ist gut nachvollziehbar. Speed
(Amphetamin) schüttet kräftig Dopamin, Noradrenalin und
Adrenalin aus. Was die Ausschüttung von Noradrenalin und
Adrenalin bewirkt, haben wir gerade am Beispiel von Kokain
besprochen. Der Körper ist topfit und durch die
verminderte Gefahr, angegriffen zu werden, kann diese
Energie wunderbar ins Tanzbein umgeleitet werden. Die
Einnahme von Ecstasy bewirkt zusätzlich die Ausschüttung
einer großen Ladung Serotonin. Ein unbeschreibliches
Gefühl der Liebe zu allem und jedem entsteht. Diese
Wirkungen sind ein Garant für eine gelungene Party.
„Alkohol und Nikotin
schmecken“. Im
ersten Teil war die Rede vom Husten nach der ersten
Zigarette und dem Verziehen des Gesichtes nach dem ersten
Schluck Alkohol. Das ist aber kein Grund dafür, nicht
später, wenn man sich daran gewöhnt hat, zu sagen: es
schmeckt! Und genau da liegt ein Grund für den guten
Geschmack: man gewöhnt sich daran. Obwohl es niemandem zu
raten ist, puren Alkohol zu trinken – hat keinen
Geschmack, brennt nur fürchterlich und ist zudem tödlich –
haben die Getränkehersteller in letzter Zeit viel
Kreativität bewiesen. Erhältlich sind mittlerweile
Getränke, bei denen man nicht einmal mehr merkt, daß sie
Alkohol enthalten. Eine ordentliche Portion Zucker und ein
wenig Geschmacksverstärker lassen diese Getränke
wahrhaftig gut schmecken. Da behaupte noch eine Frau auf
der Welt, Alkohol ist zu bitter und schmeckt nicht.
„Heroin gibt den einzig
wahren Kick im Leben“.
Auch diese Aussage ist 100% richtig. Die im Heroin
enthaltenen Opiate haben eine ähnliche Struktur wie die
körpereigenen Endorphine. Wie wir bereits wissen, lassen
Endorphine Schmerz und Angst kaum spüren und schärfen
gleichzeitig die Wahrnehmung. Als natürliches
Antistreßmittel stärken Endorphine außerdem die
Abwehrkräfte und sorgen in Grenzsituationen für eine
Gelassenheit, die sich zu rauschhafter Heiterkeit steigern
kann. Die im Heroin enthaltenen Opiate haben wiederum die
Eigenschaft, vielfach stärker zu sein als die Endorphine.
Die zusätzliche Hemmung des Noradrenalinabbaus, mit der
daraus resultierenden hohen Dopaminkonzentration, gibt dem
Heroinerlebnis noch den letzten Schliff. Der Konsument
erlebt einen unglaublichen Kick.
So, alle wichtigen Beweise
sind erbracht. Die Einnahme der Drogen verleitet
tatsächlich zu den berühmt-berüchtigten Aussagen. Drogen
sind verantwortlich für den ungewollten Werteverfall
unserer Freunde. Schuldig im Sinne der Anklage. Bitte
abführen.
Einspruch euer Ehren! Sie
können den Angeklagten nicht abführen. Seine Schuld an den
Aussagen der Freunde ist erwiesen. Das allein rechtfertigt
aber keine Verurteilung. Nach der bisherigen Beweislage
sieht es eher so aus, als tue der Angeklagte der
Menschheit einen Gefallen.
Einspruch stattgegeben. Die Verhandlung wird auf das
nächste Kapitel vertagt.