Mit den Informationen
über die Neurotransmitter haben wir jetzt die Möglichkeit,
die in Teil eins ermittelten Ergebnisse wissenschaftlich
zu belegen.
Ist man bereit, eine Droge
einzunehmen, so folgt nach dem ersten Konsum auch ein
zweites, drittes und viertes Mal. Die so genannte
Konsumkette, wird erst durch eine strikte Abstinenz oder
den Tod des Konsumenten beendet. So lautete jedenfalls
unser Ergebnis aus Kapitel sieben. Können die
Eigenschaften der Neurotransmitter dabei behilflich sein,
das Ergebnis zu beweisen?
Anhand der Tabelle (Neurotransmitter)
wird deutlich, daß das so genannte Dopamin bei allen
Drogen eine Rolle spielt. Über das Dopamin ist uns
bekannt, daß es kein „Glücksstoff“ an sich ist, sondern
lediglich als Antriebsmotor zum Glück dient. Seine normale
Funktion ist es, den Menschen am Leben zu erhalten. Es
regelt die Lust auf das Essen bzw. Trinken, es treibt dazu
an, mit dem Partner ins Bett zu steigen und ist „schuld“
an unserer – normalerweise vorhandenen – Lust auf Sport.
Neben den Grundlebenserhaltungsmaßnahmen sorgt es auch
dafür, Situationen, die als schön empfunden wurden zu
wiederholen und negative Erlebnisse in Zukunft lieber zu
meiden. Dopamin ist ebenfalls wichtig, um langfristige
Ziele zu verwirklichen. Wenn jemand beispielsweise daran
interessiert ist, Abteilungsleiter zu werden, stellt er
sich vorab das Leben als Abteilungsleiter sehr angenehm
vor. Um diese angenehme Situation zu erreichen, wird er
vom
Dopamin
angetrieben. Wir sagen der Weg ist das Ziel
und meinen damit, daß die Vorfreude auf ein Ereignis
größer sein kann, als das Ereignis selbst. Der Weg ist mit
Dopamin gepflastert. Letztendlich wird auch unser Drang
neues zu lernen und zu entdecken, vom Dopamin beeinflußt.
Was bedeutet das
konkret im Bezug auf Drogen?
Die angenehmen Gefühle
bestehen natürlich nicht nur aus dem Vorfreudegefühl. Bei
jeder Droge wirken zusätzlich noch andere Neurotransmitter,
die für die angenehme Stimmung verantwortlich sind (mehr
dazu später). Im Gehirn entstehen, sowohl bei jedem
positiven als auch bei jedem negativen Erlebnis, neue
Nervenbahnverknüpfungen. In ihnen wird alles
abgespeichert, was im Zusammenhang mit dem Erlebnis steht.
Nach einem romantischen Essen mit dem neuen, heißgeliebten
Partner, speichert das Gehirn neben der gesamten Szene
auch Einzelheiten ab. Der Duft des Partners und das
Flackern der Kerzen werden dabei ebenso in einer
„Datenbank“ hinterlegt, wie der Geschmack des Essens und
der anschließende Sex. Das Erlebnis war so schön, daß bei
der nächsten, auch noch so kleinen Gelegenheit zur
Wiederholung, sofort reichlich Dopamin ausgeschüttet wird.
Körper und Geist werden dadurch angetrieben, die
bestmöglichen Vorraussetzungen für ein weiteres „Dinner
for two“, zu schaffen. An die Stelle des gelungenen Abends
kann in unserem Fall auch die wunderbare Erfahrung mit
einer Droge treten. Die Droge - nehmen wir einmal Kokain -
wird das erste Mal an einem Abend eingenommen, der bislang
auch ohne Rausch als angenehm im Gehirn abgespeichert war.
Das kann zum Beispiel der wöchentliche Besuch in der
Lieblingsdisco sein. Kommt zu dem angenehmen Discogefühl
auch noch die überaus positive Wirkung des Kokains hinzu,
speichert das Gehirn in seiner „Hitliste“ für einen
gelungenen Discoabend das Kokain als wichtigste Komponente
ab. Die als unangenehm empfundenen Nachwirkungen spielen
dabei erst einmal keine Rolle. Heißt es dann am
darauffolgenden Wochenende „it´s Discotime!“, sorgt das
Dopamin zuerst dafür, daß der Konsument einen Weg findet,
um freien Zugang zur Droge zu haben (1).
Ist die Vorrätigkeit der Droge gesichert, prasselt ein
warmer Dopaminregen auf den Konsumenten nieder. Das
dadurch entstehende Glücksgefühl ist noch ein wenig größer
als an den bisherigen Wochenenden. Der Konsument freut
sich so sehr auf das baldige „Kokainerlebnis“, daß er sich
vorab schon wie „auf Droge“ benimmt.
Bei Affen, die immerhin
ein fünftel der menschlichen Dopaminzellen besitzen, kam
man bei verschiedenen Tests zu den gleichen Ergebnissen.
Der bloße Hinweis auf eine Drogenzufuhr – beispielsweise
durch ein bestimmtes Geräusch – zeigt eine deutlich
erhöhte Dopaminkonzentration im Gehirn.
Später kombiniert das
Gehirn, daß für eine angenehme Situation nicht zwingend
der „Umweg“ über die Disco genommen werden muß, sondern
die simple Einnahme von Kokain ausreicht. Sobald in
Zukunft die Aussicht auf ein Näschen Kokain besteht,
treibt das Dopamin dazu an, es auch zu bekommen. Nach dem
Abklingen der Kokainwirkung sinkt die Konzentration bis
weit unter den Normalbereich - d.h. der Körper produziert
vorerst kein neues Dopamin mehr. Antriebslosigkeit und
Mißmut – um nur zwei zu nennen - sind die Folgen. Eines
Tages „bemerkt“ das Gehirn, daß die weitere Zufuhr von
Kokain die Verstimmungen kurieren kann: Die Sucht nimmt
ihren Lauf.
Glücklicherweise geraten
nicht alle Konsumenten in eine Abhängigkeitsspirale, die
daraus besteht, so oft wie möglich die Nebenwirkungen mit
einer erneuten Einnahme zu kurieren. Die Mehrzahl
„vergnügt“ sich nur zu ganz besonderen „Anlässen“ mit der
Droge.
Gegen den täglichen Konsum
entscheidet man sich jedoch nicht ganz freiwillig. Es ist
schon ein kleiner innerer „Kampf“ vonnöten, denn für das
Gehirn ist es unlogisch, auf eine so wunderbare Belohnung
zu verzichten. Vor allem wenn die Möglichkeit zur Einnahme
besteht. Genau dann, wenn eine Party ins Haus steht und
das Konto ein beruhigendes Plus aufweist, ist die
Verlockung groß, sich ein Näschen zu gönnen. Dennoch
winken einige Konsumenten an dieser Stelle ab. Nach meinem
ersten Kokainerlebnis war ich einerseits überwältigt von
dem tollen Gefühl, andererseits auch ein wenig ängstlich.
Ich hatte immer noch meine Vorbehalte gegen diese Droge
und wollte um nichts auf der Welt davon abhängig werden
(mir wurde immer suggeriert, daß der Konsum von Kokain
hochgradig abhängig macht). Ich hatte regelrecht Angst vor
einer Kokainabhängigkeit und entschied mich dafür, die
Droge höchstens einmal im viertel Jahr zu konsumieren. Ich
setzte dem Dopamin meine gesammelten Informationen über
die Droge entgegen und bewirkte damit eine so genannte
Dopaminhemmung. Anders gesagt: Es ist schwer, wenn man
gleichzeitig Lust auf und Angst vor etwas hat, die Angst
einfach zu ignorieren. Das Abwinken bei der Möglichkeit
zum Konsum gründet demnach auf der Angst vor den Folgen
der Drogenwirkung.
Obwohl gerade
ausschließlich die Rede von Kokain war, verhält es sich
bei den anderen Drogen ähnlich. Die Dopaminausschüttung
vor und während des Inhalierens einer Zigarette ist zwar
geringer als beim Kokain, doch durch die ständige
Vorrätigkeit und die zahllosen „Anlässe“ sind viele
Raucher gezwungen täglich dopaminhemmende Gedanken
einzusetzen. Ohne diese Möglichkeit wären viele von ihnen
zum Ketterauchen verdammt.
Was passiert beim Zwang
zum Drogenkonsum?
Eine Antwort liefert uns
die soeben entdeckte Dopaminhemmung. Denn nach einer
Zwangssituation wird die treibende Wirkung des Dopamins
bei der nächsten Gelegenheit zum Drogenkonsum ebenfalls
gehemmt. In diesem Fall automatisch und ohne Einsatz von
Willenskraft. Beispielsweise durch die Ängste vor der
Droge selbst oder/und die Ängste, die aus der ersten
Erfahrung mit der Droge gespeichert wurden (z. Bsp. bei
erpresserischem Zwang).
Die „einmal und immer
wieder“ Theorie wäre damit bewiesen: Das Dopamin ist
schuld.