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Buch

Einleitung
Teil1 - Phil. Sichtweisen
         Der Stand der Dinge
         Das erste Mal
         Einmal und immer wieder
         Immer die anderen
         Gut vs. Schlecht
Teil2 - Wiss. Erklärungen
Teil3 - Lösungen
Teil4 - Standpunkte
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Teil1 - Philosophische Sichtweisen - Gut vs. Schlecht

 

Gut vs. Schlecht

 

Können wir Drogen als eindeutig positiv oder negativ bezeichnen?

 

Wie bereits erwähnt, liegt der entscheidende Vorteil der Drogen gegenüber der kalten Asche in dem Punkt, daß die Drogen einen Einfluß auf die Gefühlswelt haben, die Asche einen hingegen – wie sich selber - „kalt“ läßt. Eine Droge wird daher im allgemeinen als psychoaktiv wirkende Substanz bezeichnet. Eine psychoaktive Wirkung liegt wiederum vor, wenn die Einnahme der Substanz so auf das Zentralnervensystem wirkt, daß sich Auswirkungen auf Stimmung, Wahrnehmung, das Denken, die Gefühlswelt oder das Realitätserleben bemerkbar machen.

 

Das klingt ja erst einmal ganz sympathisch. Die Erfahrungen, die Sie als Thalianer - oder auch in Ihrem eigenen Leben - gesammelt haben, dürften jedoch dagegen sprechen, Drogen als etwas durchweg „Sympathisches“ oder Positives zu bezeichnen. Versuchen wir also im folgenden eine Antwort auf die Frage zu finden, ob man Drogen pauschal als gut oder schlecht bezeichnen kann.

 

Kennen Sie den Unterschied zwischen: bei jedem Treffen mit bestimmten Freunden ein Kartenspiel zu spielen und: bei jedem Treffen eine Flasche Whisky zu leeren?

 

Richtig! Der größte Unterschied liegt zweifelsfrei in den körperlichen und seelischen Folgen beider „Aktivitäten“. Während einem im Anschluß an ein Kartenspiel maximal die Hände wehtun und mit Spätfolgen relativ selten zu rechnen ist, dürfte das regelmäßige leeren einer Whiskyflasche nach einigen Jahren dem örtlichen Medizinmann die Dollarzeichen in die Augen treiben. Das deutet auf eine negative Wirkung der Drogen. Aber vielleicht übertreffen die positiven Seiten in der Tat die negativen. Vielleicht sind Drogen wirklich eine Bereicherung. Vielleicht sollte man ein etwas kürzeres, aber intensiveres Leben mit Drogen, einem längeren, aber langweiligen Leben ohne Drogen vorziehen. Und vielleicht hilft uns ein einfaches Experiment diese Fragen zu beantworten. 

 

Wir kaufen im Elektronikfachmarkt eine Miniüberwachungskamera. Dann brechen wir in die Wohnung eines jungen Paares ein. Wir wissen von ihnen, daß sie häufig Besuch von einem anderen Pärchen bekommen, um gemeinsam eine Flasche Whisky zu leeren und Spaß zu haben. Da wir beide begnadete Elektriker sind, geht die Installation recht schnell. Wir verlassen unerkannt die Wohnung und machen es uns im provisorisch hergerichteten Überwachungsraum gemütlich. Wir sitzen gebannt vor unserem Monitor. Der Abend kann beginnen:

Das Gastpärchen ist bereist eingetroffen. Alle vier sitzen ganz brav am Tisch und unterhalten sich ein wenig. Der Hausherr holt nach einer Weile eine braune Flasche aus dem Keller. Er präsentiert sie voller Vorfreude den Gästen. Alle staunen kurz, sagen „ah“, „oh“ und „mmmh“ und lassen sich dann bereitwillig die Gläser füllen. Die Stimmung schlägt nach einer Weile um. Es wird viel gelacht und wild durcheinander geredet. Der Hausherr grapscht zwischendurch quietschvergnügt der Freundin des Bekannten an die Brust. Und es fällt – ach wie lustig – ein Glas auf den Boden und zerbricht. Etwas später streiten sich alle ganz heftig, vertragen sich dann aber wieder. Im Anschluß bricht bei der Dame des Hauses ein Heulkrampf aus, weil sie an ihren toten Hamster erinnert wird. Kurze Zeit später, die Flasche rollt bereits leer auf dem Boden herum, wird ein Taxi bestellt, und die Gäste verlassen torkelnd die Wohnung. Alles in allem - aus dem Blickwinkel der Freunde - ein gelungener Abend, der ihnen in jedem Fall mehr Spaß bereitet hat, als ein einfaches Kartenspiel.

 

Unser Zwischenergebnis lautet eins zu null für die Droge.

 

Wir machen einen Zeitsprung von zwanzig Jahren. Die Kamera blieb über den gesamten Zweitraum unentdeckt. Wir treffen uns in einem neu hergerichteten Überwachungsraum wieder. Es freut uns, daß beide Pärchen noch leben und sich anscheinend immer noch regelmäßig treffen. Das erste was uns auffällt ist, daß alle älter geworden sind. Aber es hat sich noch mehr verändert: Die Flasche Whisky muß nicht mehr extra aus dem Keller geholt werden, da sie bereits auf dem Tisch steht. Bewundert wird sie dieses mal von keinem. Die Gläser werden schneller gefüllt. Die Stimmung ändert sich auch bei diesem Mal nach kurzer Zeit. Aber es wird nicht mehr so herzhaft gelacht wie damals. Der Streit setzt etwas früher ein, wird zwischenzeitlich beigelegt und dann fortgesetzt. Irgendwann ist die Flasche leer. Zum „Nachtisch“ gibt es bei diesem Mal noch eine halbe Flasche. Der Abend endet auch etwas früher als damals. Wir haben den Eindruck, als sei aus dem schönen Zusammentreffen ein grausamer Pflichtabend geworden. Sofort geben wir dem Alkohol die Schuld an allem. Unsere Vorahnung hat sich bestätigt. Alkohol – sprich Drogen – sind schlecht.

 

Sie haben mal wieder recht. So einfach geht das nicht. Das Experiment ist völlig nichtssagend ohne eine Vergleichsgruppe. Ich wollte Sie auch nur ein wenig ärgern. Natürlich habe ich an eine Vergleichsgruppe gedacht. Ich habe sie parallel zu unseren trinkenden Freunden gefilmt. Kommen Sie mit, wir schauen uns die Videos an. Glücklicherweise sehen die Pärchen aus der Vergleichsgruppe unserer Whiskygemeinde nicht nur täuschend ähnlich, sie sind auch noch zufällig im gleichen Alter, üben die selben Berufe aus und haben den gleichen Lebensstil. Der einzige Unterschied besteht darin, daß sie gerade mal wissen, wie eine Whiskyflasche aussieht und die Gewohnheit haben, bei jedem Treffen Karten zu spielen.  

Wir lassen die Videos des ersten Abends parallel zueinander ablaufen. Der direkte Vergleich liefert uns die Erkenntnis, daß in beiden Gruppen viel gelacht wurde und alle ihr Vergnügen hatten. Der Hausherr der Kartenspielergruppe hatte lediglich das Pech, nicht an die Brust der Partnerin seines Freundes fassen zu können – er traute sich nicht so recht. Außerdem blieb der Spaß mit dem zerbrochenen Glas aus. Der Vorteil dieser Gruppe liegt darin, daß man sich während des gesamten Abends nicht ein einziges Mal stritt.

 

Unser korrigiertes Zwischenergebnis ist demzufolge ein Unentschieden zwischen Drogen und „Nichtdrogen“.

 

Wir vergleichen den zweiten Abend: Die Kartenspieler sind auch älter geworden aber sehen alles in allem entschieden frischer aus. Gestritten wurde bei ihnen auch an diesem Abend nicht und die Freude an der Zusammenkunft ist ihnen erhalten geblieben.

 

Meiner Meinung nach verlassen die „Nichtdrogen“ als Gewinner den Platz. Obwohl es natürlich immer noch eine Menge an unserem Experiment auszusetzen gibt. Wir haben lediglich zwei verschiedene Abende mit einem Zeitunterschied von zwanzig Jahren bewertet. Wir haben nur die Droge Alkohol in unserem Test zugelassen und können deshalb nicht per se auf alle anderen Drogen schließen. Außerdem gibt es noch eine Reihe anderer Faktoren, die dafür verantwortlich sein können, daß unsere Trinkerfreunde beim zweiten Mal so schlecht abgeschnitten haben. Unser Verdacht hat sich erhärtet, aber für ein eindeutiges Ergebnis reicht das Experiment nicht aus.

 

Vielleicht bringt uns die folgende Tabelle ein Stück weiter.

 

Tabelle : allgemeine Drogenwirkungen (1)

Nikotin:

Wirkung:

Nikotin führt in kleinen Dosen zu einer Anregung der Hirntätigkeit und kann vorübergehend Müdigkeit, Unlust- und Hungergefühle beseitigen. In monotonen Situationen verhindert das Rauchen einer oder einiger Zigaretten ein Absinken der Leistung.

Nebenwirkung:

Physisch:

Es vermindert die allgemeine seelische und körperliche Leistungsfähigkeit und erhöht die Streßanfälligkeit

Psychisch:

Nikotin fördert die Verengung und Verkalkung der Blutgefäße und führt so zu Durchblutungsstörungen besonders der Herzkranzgefäße und der äußeren Gliedmaßen. Es lähmt den Selbstreinigungsmechanismus der Luftwege mit der Folge chronischer Bronchitis und Lungenemphysemen, es erhöht das Krebsrisiko. (Lungen-, Bronchial-, Kehlkopf- Mundhöhlenkrebs).

Cannabis:

Wirkung:

Die Wirkung variiert von Mensch zu Mensch, von Situation zu Situation und ist von der Grundstimmung des Konsumenten abhängig. Neben großer Gelassenheit, kann die Stimmung auch in grundlose Heiterkeit umschlagen. Es entsteht eine Neigung zur Innenschau, Sinneswahrnehmungen wie Farben und Töne können intensiver sein.

Nebenwirkung:

Physisch:

Antriebsverlust ist ebenso möglich wie Ruhelosigkeit. Die Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit kann nachlassen und ist verbunden mit einer allgemeinen Antriebslosigkeit. Depressionen und Verwirrungszustände sowie Sprach- und Verständigungsprobleme können ebenso wie Angstgefühle auftreten

Psychisch:

Lungen- und Bronchialerkrankungen, Herz- und Kreislaufstörungen, Veränderungen am Immunsystem, Leberschäden, EEG - Veränderungen [als Ausdruck von Hirnfunktionsstörungen], endokrine Störungen, …

Alkohol:

Wirkung:

Geringe Mengen von Alkohol erzeugen eine gehobene Stimmung, gesteigerte Kontaktfreudigkeit, Verlust von Hemmungen und nachlassendes Reaktionsvermögen. Im Rausch entsteht eine läppisch-heitere oder gereizt-aggressive Stimmung.

Nebenwirkung:

Physisch:

„Gefühlsduselei“. Beeinträchtigung der Gehirnfunktion und des Nervensystems, Persönlichkeitsveränderungen sowie das Nachlassen der Konzentrations- und Gedächtnisleistung. Im fortgeschrittenen Stadium entstehen Wahnvorstellungen (Eifersuchtswahn, Verfolgungswahn etc.) und Delirien.

Psychisch:

Alle Organsysteme können irreversibel geschädigt werden, da Alkohol den
Körperzellen Wasser entzieht. Das Nervensystem kann gestört werden. Der Tastsinn an den Händen wird vermindert. Lähmungen in den Beinen und Gangunsicherheit (meist durch das Absterben von Zellen des Kleinhirns) entstehen. Es kommt zur Ausbildung einer Fettleber mit anschließender nicht rückbildbarer Zirrhose (die Leber wird hart und kann den Körper nicht mehr entgiften). Die dadurch höhere Vergiftung im Körper läßt weitere Hirnzellen absterben und das Blut, das schwerer durch die Leber kommt, wird umgeleitet (z.B. über die Speiseröhre). Diese Umleitungen sind empfindlich und können platzen; der Tod kann durch plötzlich auftretende Blutungen in der Speiseröhre auftreten. Das Krebsrisiko ist drastisch erhöht.

Ecstasy:

Wirkung:

Ecstasy wirkt stimulierend auf das zentrale Nervensystem, die Körpertemperatur steigt an. Es erzeugt ein Gefühl allgemeinen Wohlbefindens und der Ungehemmtheit, die Konsumenten fühlen sich ungewohnt wach, angeregt, gelöst, gesprächig und den anderen nah.

Nebenwirkung:

Physisch:

Angstzustände, Nervosität bis hin zu Verwirrungszuständen. Auch psychotische und depressive Reaktionen können auftreten. Lang anhaltende Schlafstörungen

Psychisch:

Beim Eintreten der Wirkung kommt es oft zu Übelkeit. Weitere Nebenwirkungen sind trockener Mund, Krämpfe der Kiefermuskulatur, Kopfschmerzen, Kreislaufstörungen. Die Gefahr einer seelischen Abhängigkeit ist sehr hoch. Ein besonders hohes Risiko birgt die ungewisse Zusammensetzung des Stoffes. Die Rauschdauer, die Intensität des Rausches und die Nebenwirkungen sind nur schwer einzuschätzen. Kann durch Überhitzung zum Tod führen.

Speed/Amphetamine:

Wirkung:

Wirken aufputschend, vermindern die Ermüdbarkeit, steigern vorübergehend die Leistungsfähigkeit. Sie werden genommen, um euphorische Gefühle zu erzeugen und um gut zu funktionieren.

Nebenwirkung:

Physisch:

Führen  zu Unrast und Schlaflosigkeit, die sich zu Psychosen mit Wahnvorstellungen steigern können. Der Bezug zur Realität geht verloren. Wegen der inneren Unruhe werden oft zusätzlich Schlafmittel eingenommen. Die Kritikfähigkeit wird vermindert, es treten paranoide Zustände auf. Depressionen sind keine Seltenheit.

Psychisch:

Schlaganfälle (durch die blutdrucksteigernde Wirkung) und Herzstillstand (bei Konsumenten mit Herzproblemen) sind möglich. Unregelmäßigkeiten der Menstruation bis zum Aussetzen derer. Magendurchbruch mit tödlichen Folgen. "Speedpickel" - Kristalle lagern sich unter der Haut ab. Bei ungeborenen Kindern kann der Konsum der Mutter Mißbildungen des Ungeborenen (Lippenspalte, Herz-, Wirbelsäulen-, Rückenmarkmißbildung) hervorrufen

Kokain:

Wirkung:

Kokain wirkt entängstigend und erhöht die Kontaktfähigkeit. Denkabläufe verlaufen schneller und eine Hebung der Sexualität, des Selbstwertgefühls und der Stimmung ist zu beobachten. Akustische und optische (seltener) Sinnestäuschungen treten auf. Das Hungergefühl ist gedämpft. Ein erhöhtes Kontakt- und Redebedürfnis wird hervorgerufen.

Nebenwirkung:

Physisch:

Nach dem "Hoch" folgt ein "Tief"; man ist angespannt, müde und mißmutig. Es entstehen Angstzustände, Psychosen, Verzweiflung, Depressionen, Verfolgungswahn und Halluzinationen.

Psychisch:

Herzrasen, Pupillenerweiterung, Blässe, Krampfanfälle, Koordinationsstörungen, Blutdruckerhöhung, Erhöhung der Körpertemperatur, Störungen der Herzfunktion bis hin zu Herzversagen, Hirnödeme, Schlaganfälle mit halbseitigen Lähmungen. Beim Sniefen können nach längerem Gebrauch Löcher in der Nasenschleimhaut entstehen. Abmagerung, Appetitlosigkeit sind weitere Komplikationen. Die Leber wird erheblich geschädigt, Herz- sowie Hirninfarkte und Krampfanfälle sind nicht selten. Auch beim sporadischen Gebrauch sind tödliche Komplikationen nicht auszuschließen

Heroin:

Wirkung:

Opiate haben eine stark betäubende, beruhigende Wirkung. Sämtliche negativen Empfindungen, wie Schmerz, Leeregefühle, Sorgen, Unwillen, Angst werden schon kurz nach der Einnahme zugedeckt, hinzu kommt ein momentan spürbares Hochgefühl ("Flash"). Das Selbstbewußtsein ist gesteigert.

Nebenwirkung:

Physisch:

Abkehr von der realen Welt, Persönlichkeitsabbau, egozentriert, reizbar, aggressiv, Verlust jeglichen Interesses.

Psychisch:

Verminderung der Hirnleistungsfähigkeit und des Gedächtnisses, Zittern der Hände, Koordinationsschwierigkeiten halbseitige Lähmungen, Anfälligkeit für Infektionen, Muskelfaserauflösungen, Nierenverstopfungen, Entzündung des Herzinnenraumes. Akute Gefahren sind Bewußtlosigkeit (Ersticken an Erbrochenem), Atemlähmung und/oder Herzschwäche mit Todesfolge bei Überdosierung oder giftigen Beimengungen. Besondere Risiken sind Infektionen (Geschwüre, Hepatitis, AIDS) durch nicht sterile Spritzen, Leberschäden, Magen- und Darmstörungen

Der Inhalt dieser Tabelle, macht deutlich, daß die negativen Wirkungen in ihrer schwere eindeutig die positiven übertreffen. Ein Krebsgeschwür, organische Schäden oder schwere Depressionen rechtfertigen objektiv gesehen keinen kurzfristigen, angenehmen Rauschzustand. An dieser Stelle können wir endgültig einen Schlußstrich ziehen. Drogen sind in der Tat …

 

„Halt, halt, halt!“ Höre ich Sie da schon wieder rufen. „Das leuchtet mir ja alles ein, aber ich kenne jemanden – oder: ich bin selbst einer – der nur ab und an Drogen nimmt und damit sehr gut klar kommt. Außerdem gibt es genug alte Menschen, die bis zu ihrem (natürlichen) Tod ab und zu Drogen nehmen. Mit dem Ergebnis, daß Drogen etwas eindeutig Schlechtes sind, will ich mich nicht zufrieden geben.“

 

Einspruch stattgegeben. Es bleiben zwei ungeklärte Fragen:

 

1. Warum werden einige Menschen in den exzessiven Konsum getrieben, während andere Ihr ganzes Leben lang einen zufriedenen Gelegenheitskonsumenten mimen und nichts von einer negativen Seite wissen wollen?

 

2. Überwiegen die Vorteile beim Gelegenheitskonsum die entsprechenden Nachteile?

 

Ich muß gestehen, daß ich zur Gruppe der Zügellosen gehörte und die „Kontrolle“ schnell verloren habe. Mit vierzehn verließ die erste Qualmwolke meinen Mund und etwa zur gleichen Zeit sah man mich bereits des öfteren durch die Gegend torkeln. Ich war stolz darauf, bei den meisten Parties der erste gewesen zu sein, der sich den Toiletteninhalt etwas genauer ansah. Zu Beginn meines siebzehnten Lebensjahres wurde ich in die dunkle Welt der illegalen Drogen geführt. Ein Jahr später sah meine Woche ungefähr so aus: täglich eine Schachtel Zigaretten, täglich ein bis zwei Gramm Haschisch, zwei bis drei Mal pro Woche diverse Designerdrogen versetzt mit einer ordentlichen Portion Alkohol. Dieser Lebensstil führte, nach einem anfänglichen Hoch schnell zu der Erkenntnis, dem ein Ende setzen zu müssen. Schwere Depressionen und Antriebslosigkeit stellten die gelegentlichen Stimmungshochs schnell in den Schatten. Dennoch sollte es einige Jahre dauern, bis mir der Absprung gelang.

 

Das ist die eine Seite, aber es gibt ja noch die andere: Die der „glücklichen Konsumenten“. Jene Zeitgenossen, die zwei bis drei Zigaretten am Tag rauchen, einmal in der Woche zwei Gläser Rotwein trinken oder sich drei bis viermal im Jahr ein Näschen Kokain „gönnen“ und dabei den Eindruck erwecken, sehr zufrieden damit zu sein.

 

Wo liegt der Unterschied zwischen dieser Art zu konsumieren und meiner?

 

In einem, vor zehn Jahren begonnenen Experiment an der Freien Universität Berlin sind Prof. Jochen Wolffgramm und seine Kollegin Andrea Heyne der Sucht-Entwicklung auf der Spur (2). Als Versuchsobjekte haben sie nicht etwa familien- und mittellose Menschen in Käfige gesperrt. Nein, sie haben sich kurzerhand für Ratten entschieden. Das Experiment ist so aufgebaut, daß die Ratten in ihren Käfigen die Wahl haben, ihren Durst mittels verschiedener Trinklösungen zu stillen. Neben normalem Wasser, stehen zusätzlich Alkohol, Beruhigungs- oder Aufputschmittel zur Verfügung. Und wer glaubt, die Ratten würden nur den Wassernapf nutzen, der irrt selbstverständlich. Ausnahmslos alle Drogennäpfchen werden ausgiebig angetestet. Nach dieser so genannten „Einstiegsphase“ folgt bei den Nagern die Phase des „kontrollierten Konsums“. Diese Phase dauert bis zu einem dreiviertel Rattenleben. Sie endet bei einigen nie und schlägt bei anderen in plötzlichen Extremkonsum um. Alles in allem wie beim Menschen. Lediglich die Schlußfolgerung, die Menge des täglichen Konsums hänge von der Persönlichkeit der Ratten ab – dominante konsumieren weniger als ausgegrenzte – läßt auf etwas typisch tierisches deuten (ähnliche Ergebnisse wurden auch bei einem Experiment mit Makaken-Affen gemacht (3) ). Während meiner Drogenkarriere kreuzten verschiedene Persönlichkeiten, mit einem jeweils hohen Drogenkonsum, meinen Weg. Und auch ich zähle mich, trotz rasch einsetzendem  „Kontrollverlust“, nicht zu den sozial ausgegrenzten Menschen.

Es scheint, als könne dieses Experiment unsere Frage, wie der Unterschied zwischen Konsumkontrolle und Kontrollverlust zu erklären ist, nicht beantworten. Wir wissen jetzt lediglich, daß es doch Unterschiede zwischen Mensch und Tier gibt und wir demnach keine Tiere sind.

 

Aber was ist es dann? Was macht den Unterschied aus?

 

Die simple Antwort, daß die einen die „Kontrolle“ haben und die anderen nicht, klingt nicht so, als könne sie unseren Wissensdurst wirklich befriedigen. Ich habe mich deshalb mit Stift und Papier auf den Weg gemacht, um einige lebende Exemplare der jeweiligen Richtung zu interviewen. Ich versprach mir davon, dem wahren Grund für ihr Verhalten auf die Spur zu kommen.

Nach Auswertung der erhaltenen Antworten viel mir auf, daß es eine wichtige Parallele zwischen beiden Konsummustern gibt. Beide Gruppenmitglieder teilten mir mit, daß sie die Droge zu bestimmten „Anlässen“ gern einnehmen. Wobei die einen deutlich mehr solcher „Anlässe“ hatten, als die anderen. Wenn die einen beispielsweise ihren Rotwein gern zu Ereignissen wie Geburtstag, Hochzeit oder bei einer Beerdigung trinken, finden sich bei den anderen neben diesen auch noch weitere „Anlässe“, wie zum Beispiel: der Besuch von Freunden, das tägliche Abendbrot, immer dann, wenn sie sich schlecht fühlen oder wenn sie Lust auf die Wirkung verspürten. Beide Seiten erklärten mir aber auch, daß sie es durchaus schaffen würden, ein oder zwei „Anlässe“ auszulassen, was jedoch den Gelegenheitskonsumenten nach eigener Aussage leichter fallen würde. Weiterhin erfuhr ich, daß alle Dauerkonsumenten am Anfang ebenfalls nur ein paar wenige „Anlässe“ hatten, die sie mit Drogen „verschönerten“. Irgendwann häuften sich dann die „Anlässe“, was scheinbar durch das soziale Umfeld begünstigt wurde. Kokain wurde beispielsweise am Anfang nur zu bestimmten Parties geschnupft, dann kam eines Tages jemand auf die Idee, es einfach mal so während der Woche zu probieren usw. Ein Dauerkonsument berichtete von einer Lebenskrise, die ihn vermehrt zur Droge greifen ließ. Die stimmungsaufhellende Wirkung der Droge half ihm - wie er sagte - über den Schmerz hinweg zu kommen. Das diese Annahme ihn noch tiefer fallen ließ, liegt auf der Hand. Es ist bekannt, daß Drogen bei Kummer helfen, aber mittlerweile wissen zum Glück die meisten, daß das maximal für einen Abend gilt und die positive Wirkung danach ins Gegenteil umschlägt. Wir haben erfahren, daß sozial ausgegrenzte Tiere eher zu Drogen greifen, als dominante. Die Gefühlslage der ausgegrenzten Affen läßt sich mit der eines in einer Lebenskrise steckenden Menschen vergleichen. Beide haben ohne Drogen so gut wie keine Glücksmomente in ihrem Leben. Das beweist aber nicht, daß sozial ausgegrenzte Menschen zwingend unter Depressionen leiden und deshalb zu Drogen greifen. Und garantiert nicht, daß sozial integrierte Menschen auf Drogen verzichten oder sich mit wenigen Einheiten zufrieden geben.

 

Im Endeffekt läßt sich aus diesen Ergebnissen schließen, daß zu jeder Zeit, aus jedem Gelegenheitskonsumenten „über Nacht“ auch ein Dauerkonsument werden kann.

 

Ein gelegentlich trinkender Rentner, dessen soziales Umfeld wohl bis zu seinem Tode gleich bleiben wird und der bisherige Schicksalsschläge auch ohne sich zu betrinken weggesteckt hat ist natürlich weniger gefährdet als ein jugendlicher Gelegenheitskonsument, der gerade mit den Problemen des Erwachsenwerdens zu kämpfen hat. Der Unterschied - um unsere Frage zu beantworten – zwischen Gelegenheitskonsument und Dauerkonsument ist kleiner, als wir anfänglich dachten. Die Feststellung, daß beide ihre jeweiligen „Anlässe“ zum Konsum haben, bekräftigt die im Kapitel „einmal und immer wieder“ aufgestellte These, daß beide abhängig sind. Der eine von mehr der andere von weniger „Anlässen“ aber beide von einer Droge.

 

Kommen wir jetzt zu der Frage, ob die positiven Seiten des Gelegenheitskonsums die negativen übertreffen.

 

Wir wissen, daß auch Gelegenheitskonsum bedeutet, von einer Droge abhängig zu sein. Drogen sind nachweislich Gifte. Pures Nikotin oder purer Alkohol sind bereits in geringen Mengen tödlich. Und jeder einzelne Konsum kommt nicht ohne Nachwirkungen aus. Egal welche Droge eingenommen wird, auf das Hoch folgt ein Tief. In der Regel bekommt der Gelegenheitskonsument das Tief nicht zu spüren, da er die Droge am Abend zu sich nimmt und nach Abklingen der Wirkung einschläft. Der Körper braucht dennoch für gewöhnlich länger als eine Nacht um sich vom Gift zu befreien und den Normalzustand wieder herzustellen. Die psychischen Folgen des Gelegenheitskonsums sind nicht zu unterschätzen. Ich finde es auf der einen Seite schade, daß ich überhaupt in die Drogenfalle geriet, auf der anderen Seite freue ich mich, daß ich durch die heftigen Nebenwirkungen schneller den Entschluß fassen konnte, auf Dauer Abstinent zu bleiben. Ich möchte nicht mit einem selbsternannten, „glücklichen“ Gelegenheitskonsumenten tauschen, der auch nach fünfzig Jahren noch nicht merkt, was für einen Unfug er eigentlich treibt. Das große Problem eines Gelegenheitskonsumenten besteht darin, daß er sich an die langsam einsetzenden Nebenwirkungen gewöhnt. Für ihn sind die psychischen Schäden, die er davon trägt etwas ganz normales. Sie gehören seiner Meinung nach zum normalen Alterungsprozeß. Er hat ja keine Vergleichsmöglichkeit. Könnte ein siebzigjähriger Gelegenheitskonsument für einen Tag mit einem gleichaltrigen Abstinenzler tauschen, würde er es sich wohl stark überlegen, auch in Zukunft zu behaupten; das bißchen Droge, daß er zu sich nimmt, tue ihm gut und schade ihm nicht.  

 

Im Rahmen einer Studie an der University of Massachusetts Medical School fanden Joseph DiFranza und seine Kollegen heraus, daß schon Jugendliche, die nur ein Mal im Monat rauchen, Symptome der Nikotinabhängigkeit zeigen. Von den befragten Jugendlichen im Alter von 12 bis 13 Jahren beschrieben 75% Abhängigkeits-Syndrome, obwohl sie nicht täglich rauchten. Sie hatten ein Verlangen nach Tabak und litten unter Entzugserscheinungen wie Konzentrationsschwäche und Ruhelosigkeit.

 

Die unmittelbaren und langfristigen Folgen eines einmaligen Alkoholrausches sind hinlänglich bekannt. Auch der immer verharmloste Gelegenheitskonsum von Cannabis ist nicht ganz ohne. Neben gehobener Stimmung, Heiterkeit und Euphorie entstehen oft Passivität, Lethargie, Apathie, bruchstückhaftes Denken, Verlust der Erlebniskontinuität, erhöhte Ablenkbarkeit, abnorme Fokussierung der Wahrnehmung auf irrelevante Nebenreize, Gedächtnis- und Erinnerungsstörungen und Kritikschwäche. Beim Konsum von Speed, Ecstasy, Kokain und Heroin sind die Nebenwirkungen auch bei einmaliger Einnahme teilweise verheerend. Die Palette reicht von Gereiztheit, über Depressionen bis hin zum Tod.

 

Spätestens jetzt sollte uns klar sein, daß Drogen, egal wie oft sie konsumiert werden, als eindeutig negativ einzustufen sind.

1. drug-infopool.de

2. 12.08.98, Berliner Morgenpost 1998

3. Nature Neuroscience, jl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.01.2002

 

 

 

 

 

 

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