Teil1 - Philosophische Sichtweisen
- Gut vs. Schlecht
Gut vs. Schlecht
Können wir Drogen als
eindeutig positiv oder negativ bezeichnen?
Wie bereits erwähnt, liegt
der entscheidende Vorteil der Drogen gegenüber der kalten
Asche in dem Punkt, daß die Drogen einen Einfluß auf die
Gefühlswelt haben, die Asche einen hingegen – wie sich
selber - „kalt“ läßt. Eine Droge wird daher im allgemeinen
als psychoaktiv wirkende Substanz bezeichnet. Eine
psychoaktive Wirkung liegt wiederum vor, wenn die Einnahme
der Substanz so auf das Zentralnervensystem wirkt, daß
sich Auswirkungen auf Stimmung, Wahrnehmung, das Denken,
die Gefühlswelt oder das Realitätserleben bemerkbar
machen.
Das klingt ja erst einmal
ganz sympathisch. Die Erfahrungen, die Sie als Thalianer -
oder auch in Ihrem eigenen Leben - gesammelt haben,
dürften jedoch dagegen sprechen, Drogen als etwas durchweg
„Sympathisches“ oder Positives zu bezeichnen. Versuchen
wir also im folgenden eine Antwort auf die Frage zu
finden, ob man Drogen pauschal als gut oder schlecht
bezeichnen kann.
Kennen Sie den Unterschied
zwischen: bei jedem Treffen mit bestimmten Freunden ein
Kartenspiel zu spielen und: bei jedem Treffen eine Flasche
Whisky zu leeren?
Richtig! Der größte
Unterschied liegt zweifelsfrei in den körperlichen und
seelischen Folgen beider „Aktivitäten“. Während einem im
Anschluß an ein Kartenspiel maximal die Hände wehtun und
mit Spätfolgen relativ selten zu rechnen ist, dürfte das
regelmäßige leeren einer Whiskyflasche nach einigen Jahren
dem örtlichen Medizinmann die Dollarzeichen in die Augen
treiben. Das deutet auf eine negative Wirkung der Drogen.
Aber vielleicht übertreffen die positiven Seiten in der
Tat die negativen. Vielleicht sind Drogen wirklich eine
Bereicherung. Vielleicht sollte man ein etwas kürzeres,
aber intensiveres Leben mit Drogen, einem längeren, aber
langweiligen Leben ohne Drogen vorziehen. Und vielleicht
hilft uns ein einfaches Experiment diese Fragen zu
beantworten.
Wir kaufen im
Elektronikfachmarkt eine Miniüberwachungskamera. Dann
brechen wir in die Wohnung eines jungen Paares ein. Wir
wissen von ihnen, daß sie häufig Besuch von einem anderen
Pärchen bekommen, um gemeinsam eine Flasche Whisky zu
leeren und Spaß zu haben. Da wir beide begnadete
Elektriker sind, geht die Installation recht schnell. Wir
verlassen unerkannt die Wohnung und machen es uns im
provisorisch hergerichteten Überwachungsraum gemütlich.
Wir sitzen gebannt vor unserem Monitor. Der Abend kann
beginnen:
Das Gastpärchen ist bereist
eingetroffen. Alle vier sitzen ganz brav am Tisch und
unterhalten sich ein wenig. Der Hausherr holt nach einer
Weile eine braune Flasche aus dem Keller. Er präsentiert
sie voller Vorfreude den Gästen. Alle staunen kurz, sagen
„ah“, „oh“ und „mmmh“ und lassen sich dann bereitwillig
die Gläser füllen. Die Stimmung schlägt nach einer Weile
um. Es wird viel gelacht und wild durcheinander geredet.
Der Hausherr grapscht zwischendurch quietschvergnügt der
Freundin des Bekannten an die Brust. Und es fällt – ach
wie lustig – ein Glas auf den Boden und zerbricht. Etwas
später streiten sich alle ganz heftig, vertragen sich dann
aber wieder. Im Anschluß bricht bei der Dame des Hauses
ein Heulkrampf aus, weil sie an ihren toten Hamster
erinnert wird. Kurze Zeit später, die Flasche rollt
bereits leer auf dem Boden herum, wird ein Taxi bestellt,
und die Gäste verlassen torkelnd die Wohnung. Alles in
allem - aus dem Blickwinkel der Freunde - ein gelungener
Abend, der ihnen in jedem Fall mehr Spaß bereitet hat, als
ein einfaches Kartenspiel.
Unser Zwischenergebnis
lautet eins zu null für die Droge.
Wir machen einen Zeitsprung
von zwanzig Jahren. Die Kamera blieb über den gesamten
Zweitraum unentdeckt. Wir treffen uns in einem neu
hergerichteten Überwachungsraum wieder. Es freut uns, daß
beide Pärchen noch leben und sich anscheinend immer noch
regelmäßig treffen. Das erste was uns auffällt ist, daß
alle älter geworden sind. Aber es hat sich noch mehr
verändert: Die Flasche Whisky muß nicht mehr extra aus dem
Keller geholt werden, da sie bereits auf dem Tisch steht.
Bewundert wird sie dieses mal von keinem. Die Gläser
werden schneller gefüllt. Die Stimmung ändert sich auch
bei diesem Mal nach kurzer Zeit. Aber es wird nicht mehr
so herzhaft gelacht wie damals. Der Streit setzt etwas
früher ein, wird zwischenzeitlich beigelegt und dann
fortgesetzt. Irgendwann ist die Flasche leer. Zum
„Nachtisch“ gibt es bei diesem Mal noch eine halbe
Flasche. Der Abend endet auch etwas früher als damals. Wir
haben den Eindruck, als sei aus dem schönen
Zusammentreffen ein grausamer Pflichtabend geworden.
Sofort geben wir dem Alkohol die Schuld an allem. Unsere
Vorahnung hat sich bestätigt. Alkohol – sprich Drogen –
sind schlecht.
Sie haben mal wieder recht.
So einfach geht das nicht. Das Experiment ist völlig
nichtssagend ohne eine Vergleichsgruppe. Ich wollte Sie
auch nur ein wenig ärgern. Natürlich habe ich an eine
Vergleichsgruppe gedacht. Ich habe sie parallel zu unseren
trinkenden Freunden gefilmt. Kommen Sie mit, wir schauen
uns die Videos an. Glücklicherweise sehen die Pärchen aus
der Vergleichsgruppe unserer Whiskygemeinde nicht nur
täuschend ähnlich, sie sind auch noch zufällig im gleichen
Alter, üben die selben Berufe aus und haben den gleichen
Lebensstil. Der einzige Unterschied besteht darin, daß sie
gerade mal wissen, wie eine Whiskyflasche aussieht und die
Gewohnheit haben, bei jedem Treffen Karten zu spielen.
Wir lassen die Videos des
ersten Abends parallel zueinander ablaufen. Der direkte
Vergleich liefert uns die Erkenntnis, daß in beiden
Gruppen viel gelacht wurde und alle ihr Vergnügen hatten.
Der Hausherr der Kartenspielergruppe hatte lediglich das
Pech, nicht an die Brust der Partnerin seines Freundes
fassen zu können – er traute sich nicht so recht. Außerdem
blieb der Spaß mit dem zerbrochenen Glas aus. Der Vorteil
dieser Gruppe liegt darin, daß man sich während des
gesamten Abends nicht ein einziges Mal stritt.
Unser korrigiertes
Zwischenergebnis ist demzufolge ein Unentschieden zwischen
Drogen und „Nichtdrogen“.
Wir vergleichen den zweiten
Abend: Die Kartenspieler sind auch älter geworden aber
sehen alles in allem entschieden frischer aus. Gestritten
wurde bei ihnen auch an diesem Abend nicht und die Freude
an der Zusammenkunft ist ihnen erhalten geblieben.
Meiner Meinung nach
verlassen die „Nichtdrogen“ als Gewinner den Platz. Obwohl
es natürlich immer noch eine Menge an unserem Experiment
auszusetzen gibt. Wir haben lediglich zwei verschiedene
Abende mit einem Zeitunterschied von zwanzig Jahren
bewertet. Wir haben nur die Droge Alkohol in unserem Test
zugelassen und können deshalb nicht per se auf alle
anderen Drogen schließen. Außerdem gibt es noch eine Reihe
anderer Faktoren, die dafür verantwortlich sein können,
daß unsere Trinkerfreunde beim zweiten Mal so schlecht
abgeschnitten haben. Unser Verdacht hat sich erhärtet,
aber für ein eindeutiges Ergebnis reicht das Experiment
nicht aus.
Vielleicht bringt uns die
folgende Tabelle ein Stück weiter.
Nikotin führt in kleinen
Dosen zu einer Anregung der Hirntätigkeit und kann
vorübergehend Müdigkeit, Unlust- und Hungergefühle
beseitigen. In monotonen Situationen verhindert das
Rauchen einer oder einiger Zigaretten ein Absinken der
Leistung.
Nebenwirkung:
Physisch:
Es vermindert die allgemeine seelische und körperliche
Leistungsfähigkeit und erhöht die Streßanfälligkeit
Psychisch:
Nikotin fördert die Verengung und Verkalkung der
Blutgefäße und führt so zu Durchblutungsstörungen
besonders der Herzkranzgefäße und der äußeren Gliedmaßen.
Es lähmt den Selbstreinigungsmechanismus der Luftwege mit
der Folge chronischer Bronchitis und Lungenemphysemen, es
erhöht das Krebsrisiko. (Lungen-, Bronchial-, Kehlkopf-
Mundhöhlenkrebs).
Cannabis:
Wirkung:
Die Wirkung variiert von
Mensch zu Mensch, von Situation zu Situation und ist von
der Grundstimmung des Konsumenten abhängig. Neben großer
Gelassenheit, kann die Stimmung auch in grundlose
Heiterkeit umschlagen. Es entsteht eine Neigung zur
Innenschau, Sinneswahrnehmungen wie Farben und Töne können
intensiver sein.
Nebenwirkung:
Physisch:
Antriebsverlust ist ebenso möglich wie Ruhelosigkeit. Die
Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit kann nachlassen und
ist verbunden mit einer allgemeinen Antriebslosigkeit.
Depressionen und Verwirrungszustände sowie Sprach- und
Verständigungsprobleme können ebenso wie Angstgefühle
auftreten
Psychisch:
Lungen- und
Bronchialerkrankungen, Herz- und Kreislaufstörungen,
Veränderungen am Immunsystem, Leberschäden, EEG -
Veränderungen [als Ausdruck von Hirnfunktionsstörungen],
endokrine Störungen, …
Alkohol:
Wirkung:
Geringe Mengen von Alkohol
erzeugen eine gehobene Stimmung, gesteigerte
Kontaktfreudigkeit, Verlust von Hemmungen und
nachlassendes Reaktionsvermögen. Im Rausch entsteht eine
läppisch-heitere oder gereizt-aggressive Stimmung.
Nebenwirkung:
Physisch:
„Gefühlsduselei“.
Beeinträchtigung der Gehirnfunktion und des Nervensystems,
Persönlichkeitsveränderungen sowie das Nachlassen der
Konzentrations- und Gedächtnisleistung. Im
fortgeschrittenen Stadium entstehen Wahnvorstellungen
(Eifersuchtswahn, Verfolgungswahn etc.) und Delirien.
Psychisch:
Alle Organsysteme können irreversibel geschädigt werden,
da Alkohol den
Körperzellen Wasser entzieht. Das Nervensystem kann
gestört werden. Der Tastsinn an den Händen wird
vermindert. Lähmungen in den Beinen und Gangunsicherheit
(meist durch das Absterben von Zellen des Kleinhirns)
entstehen. Es kommt zur Ausbildung einer Fettleber mit
anschließender nicht rückbildbarer Zirrhose (die Leber
wird hart und kann den Körper nicht mehr entgiften). Die
dadurch höhere Vergiftung im Körper läßt weitere
Hirnzellen absterben und das Blut, das schwerer durch die
Leber kommt, wird umgeleitet (z.B. über die Speiseröhre).
Diese Umleitungen sind empfindlich und können platzen; der
Tod kann durch plötzlich auftretende Blutungen in der
Speiseröhre auftreten. Das Krebsrisiko ist drastisch
erhöht.
Ecstasy:
Wirkung:
Ecstasy wirkt stimulierend
auf das zentrale Nervensystem, die Körpertemperatur steigt
an. Es erzeugt ein Gefühl allgemeinen Wohlbefindens und
der Ungehemmtheit, die Konsumenten fühlen sich ungewohnt
wach, angeregt, gelöst, gesprächig und den anderen nah.
Nebenwirkung:
Physisch:
Angstzustände, Nervosität bis hin zu Verwirrungszuständen.
Auch psychotische und depressive Reaktionen können
auftreten. Lang anhaltende Schlafstörungen
Psychisch:
Beim Eintreten der Wirkung
kommt es oft zu Übelkeit. Weitere Nebenwirkungen sind
trockener Mund, Krämpfe der Kiefermuskulatur,
Kopfschmerzen, Kreislaufstörungen. Die Gefahr einer
seelischen Abhängigkeit ist sehr hoch. Ein besonders hohes
Risiko birgt die ungewisse Zusammensetzung des Stoffes.
Die Rauschdauer, die Intensität des Rausches und die
Nebenwirkungen sind nur schwer einzuschätzen. Kann durch
Überhitzung zum Tod führen.
Speed/Amphetamine:
Wirkung:
Wirken aufputschend,
vermindern die Ermüdbarkeit, steigern vorübergehend die
Leistungsfähigkeit. Sie werden genommen, um euphorische
Gefühle zu erzeugen und um gut zu funktionieren.
Nebenwirkung:
Physisch:
Führen zu Unrast und
Schlaflosigkeit, die sich zu Psychosen mit
Wahnvorstellungen steigern können. Der Bezug zur Realität
geht verloren. Wegen der inneren Unruhe werden oft
zusätzlich Schlafmittel eingenommen. Die Kritikfähigkeit
wird vermindert, es treten paranoide Zustände auf.
Depressionen sind keine Seltenheit.
Psychisch:
Schlaganfälle (durch die blutdrucksteigernde Wirkung) und
Herzstillstand (bei Konsumenten mit Herzproblemen) sind
möglich. Unregelmäßigkeiten der Menstruation bis zum
Aussetzen derer. Magendurchbruch mit tödlichen Folgen. "Speedpickel"
- Kristalle lagern sich unter der Haut ab. Bei ungeborenen
Kindern kann der Konsum der Mutter Mißbildungen des
Ungeborenen (Lippenspalte, Herz-, Wirbelsäulen-,
Rückenmarkmißbildung) hervorrufen
Kokain:
Wirkung:
Kokain wirkt entängstigend
und erhöht die Kontaktfähigkeit. Denkabläufe verlaufen
schneller und eine Hebung der Sexualität, des
Selbstwertgefühls und der Stimmung ist zu beobachten.
Akustische und optische (seltener) Sinnestäuschungen
treten auf. Das Hungergefühl ist gedämpft. Ein erhöhtes
Kontakt- und Redebedürfnis wird hervorgerufen.
Nebenwirkung:
Physisch:
Nach dem "Hoch" folgt ein
"Tief"; man ist angespannt, müde und mißmutig. Es
entstehen Angstzustände, Psychosen, Verzweiflung,
Depressionen, Verfolgungswahn und Halluzinationen.
Psychisch:
Herzrasen,
Pupillenerweiterung, Blässe, Krampfanfälle,
Koordinationsstörungen, Blutdruckerhöhung, Erhöhung der
Körpertemperatur, Störungen der Herzfunktion bis hin zu
Herzversagen, Hirnödeme, Schlaganfälle mit halbseitigen
Lähmungen. Beim Sniefen können nach längerem Gebrauch
Löcher in der Nasenschleimhaut entstehen. Abmagerung,
Appetitlosigkeit sind weitere Komplikationen. Die Leber
wird erheblich geschädigt, Herz- sowie Hirninfarkte und
Krampfanfälle sind nicht selten. Auch beim sporadischen
Gebrauch sind tödliche Komplikationen nicht auszuschließen
Heroin:
Wirkung:
Opiate haben eine stark
betäubende, beruhigende Wirkung. Sämtliche negativen
Empfindungen, wie Schmerz, Leeregefühle, Sorgen, Unwillen,
Angst werden schon kurz nach der Einnahme zugedeckt, hinzu
kommt ein momentan spürbares Hochgefühl ("Flash"). Das
Selbstbewußtsein ist gesteigert.
Nebenwirkung:
Physisch:
Abkehr von der realen Welt,
Persönlichkeitsabbau, egozentriert, reizbar, aggressiv,
Verlust jeglichen Interesses.
Psychisch:
Verminderung der Hirnleistungsfähigkeit und des
Gedächtnisses, Zittern der Hände,
Koordinationsschwierigkeiten halbseitige Lähmungen,
Anfälligkeit für Infektionen, Muskelfaserauflösungen,
Nierenverstopfungen, Entzündung des Herzinnenraumes. Akute
Gefahren sind Bewußtlosigkeit (Ersticken an Erbrochenem),
Atemlähmung und/oder Herzschwäche mit Todesfolge bei
Überdosierung oder giftigen Beimengungen. Besondere
Risiken sind Infektionen (Geschwüre, Hepatitis, AIDS)
durch nicht sterile Spritzen, Leberschäden, Magen- und
Darmstörungen
Der Inhalt dieser Tabelle,
macht deutlich, daß die negativen Wirkungen in ihrer
schwere eindeutig die positiven übertreffen. Ein
Krebsgeschwür, organische Schäden oder schwere
Depressionen rechtfertigen objektiv gesehen keinen
kurzfristigen, angenehmen Rauschzustand. An dieser Stelle
können wir endgültig einen Schlußstrich ziehen. Drogen
sind in der Tat …
„Halt, halt, halt!“ Höre ich Sie da schon wieder rufen. „Das leuchtet mir ja alles ein,
aber ich kenne jemanden – oder: ich bin selbst einer – der
nur ab und an Drogen nimmt und damit sehr gut klar kommt.
Außerdem gibt es genug alte Menschen, die bis zu ihrem
(natürlichen) Tod ab und zu Drogen nehmen. Mit dem
Ergebnis, daß Drogen etwas eindeutig Schlechtes sind, will
ich mich nicht zufrieden geben.“
Einspruch stattgegeben. Es
bleiben zwei ungeklärte Fragen:
1. Warum werden einige
Menschen in den exzessiven Konsum getrieben, während
andere Ihr ganzes Leben lang einen zufriedenen
Gelegenheitskonsumenten mimen und nichts von einer
negativen Seite wissen wollen?
2. Überwiegen die Vorteile
beim Gelegenheitskonsum die entsprechenden Nachteile?
Ich muß gestehen, daß ich
zur Gruppe der Zügellosen gehörte und die „Kontrolle“
schnell verloren habe. Mit vierzehn verließ die erste
Qualmwolke meinen Mund und etwa zur gleichen Zeit sah man
mich bereits des öfteren durch die Gegend torkeln. Ich war
stolz darauf, bei den meisten Parties der erste gewesen zu
sein, der sich den Toiletteninhalt etwas genauer ansah. Zu
Beginn meines siebzehnten Lebensjahres wurde ich in die
dunkle Welt der illegalen Drogen geführt. Ein Jahr später
sah meine Woche ungefähr so aus: täglich eine Schachtel
Zigaretten, täglich ein bis zwei Gramm Haschisch, zwei bis
drei Mal pro Woche diverse Designerdrogen versetzt mit
einer ordentlichen Portion Alkohol. Dieser Lebensstil
führte, nach einem anfänglichen Hoch schnell zu der
Erkenntnis, dem ein Ende setzen zu müssen. Schwere
Depressionen und Antriebslosigkeit stellten die
gelegentlichen Stimmungshochs schnell in den Schatten.
Dennoch sollte es einige Jahre dauern, bis mir der
Absprung gelang.
Das ist die eine Seite,
aber es gibt ja noch die andere: Die der „glücklichen
Konsumenten“. Jene Zeitgenossen, die zwei bis drei
Zigaretten am Tag rauchen, einmal in der Woche zwei Gläser
Rotwein trinken oder sich drei bis viermal im Jahr ein
Näschen Kokain „gönnen“ und dabei den Eindruck erwecken,
sehr zufrieden damit zu sein.
Wo liegt der Unterschied
zwischen dieser Art zu konsumieren und meiner?
In einem, vor zehn Jahren
begonnenen Experiment an der Freien Universität Berlin
sind Prof. Jochen Wolffgramm und seine Kollegin Andrea
Heyne der Sucht-Entwicklung auf der Spur (2).
Als Versuchsobjekte haben sie nicht etwa familien- und
mittellose Menschen in Käfige gesperrt. Nein, sie haben
sich kurzerhand für Ratten entschieden. Das Experiment ist
so aufgebaut, daß die Ratten in ihren Käfigen die Wahl
haben, ihren Durst mittels verschiedener Trinklösungen zu
stillen. Neben normalem Wasser, stehen zusätzlich Alkohol,
Beruhigungs- oder Aufputschmittel zur Verfügung. Und wer
glaubt, die Ratten würden nur den Wassernapf nutzen, der
irrt selbstverständlich. Ausnahmslos alle Drogennäpfchen
werden ausgiebig angetestet. Nach dieser so genannten
„Einstiegsphase“ folgt bei den Nagern die Phase des
„kontrollierten Konsums“. Diese Phase dauert bis zu einem
dreiviertel Rattenleben. Sie endet bei einigen nie und
schlägt bei anderen in plötzlichen Extremkonsum um. Alles
in allem wie beim Menschen. Lediglich die Schlußfolgerung,
die Menge des täglichen Konsums hänge von der
Persönlichkeit der Ratten ab – dominante konsumieren
weniger als ausgegrenzte – läßt auf etwas typisch
tierisches deuten (ähnliche Ergebnisse wurden auch bei
einem Experiment mit Makaken-Affen gemacht (3) ). Während
meiner Drogenkarriere kreuzten verschiedene
Persönlichkeiten, mit einem jeweils hohen Drogenkonsum,
meinen Weg. Und auch ich zähle mich, trotz rasch
einsetzendem „Kontrollverlust“, nicht zu den sozial
ausgegrenzten Menschen.
Es scheint, als könne
dieses Experiment unsere Frage, wie der Unterschied
zwischen Konsumkontrolle und Kontrollverlust zu erklären
ist, nicht beantworten. Wir wissen jetzt lediglich, daß es
doch Unterschiede zwischen Mensch und Tier gibt und wir
demnach keine Tiere sind.
Aber was ist es dann? Was
macht den Unterschied aus?
Die simple Antwort, daß die
einen die „Kontrolle“ haben und die anderen nicht, klingt
nicht so, als könne sie unseren Wissensdurst wirklich
befriedigen. Ich habe mich deshalb mit Stift und Papier
auf den Weg gemacht, um einige lebende Exemplare der
jeweiligen Richtung zu interviewen. Ich versprach mir
davon, dem wahren Grund für ihr Verhalten auf die Spur zu
kommen.
Im Endeffekt läßt sich aus
diesen Ergebnissen schließen, daß zu jeder Zeit,
aus jedem Gelegenheitskonsumenten „über Nacht“ auch
ein Dauerkonsument werden kann.
Ein gelegentlich trinkender
Rentner, dessen soziales Umfeld wohl bis zu seinem Tode
gleich bleiben wird und der bisherige Schicksalsschläge
auch ohne sich zu betrinken weggesteckt hat ist natürlich
weniger gefährdet als ein jugendlicher
Gelegenheitskonsument, der gerade mit den Problemen des
Erwachsenwerdens zu kämpfen hat. Der Unterschied - um
unsere Frage zu beantworten – zwischen
Gelegenheitskonsument und Dauerkonsument ist kleiner, als
wir anfänglich dachten. Die Feststellung, daß beide ihre
jeweiligen „Anlässe“ zum Konsum haben, bekräftigt die im
Kapitel „einmal und immer wieder“ aufgestellte These, daß
beide abhängig sind. Der eine von mehr der andere von
weniger „Anlässen“ aber beide von einer Droge.
Kommen wir jetzt zu der
Frage, ob die positiven Seiten des Gelegenheitskonsums die
negativen übertreffen.
Wir wissen, daß auch
Gelegenheitskonsum bedeutet, von einer Droge abhängig zu
sein. Drogen sind nachweislich Gifte. Pures Nikotin oder
purer Alkohol sind bereits in geringen Mengen tödlich. Und
jeder einzelne Konsum kommt nicht ohne Nachwirkungen aus.
Egal welche Droge eingenommen wird, auf das Hoch folgt ein
Tief. In der Regel bekommt der Gelegenheitskonsument das
Tief nicht zu spüren, da er die Droge am Abend zu sich
nimmt und nach Abklingen der Wirkung einschläft. Der
Körper braucht dennoch für gewöhnlich länger als eine
Nacht um sich vom Gift zu befreien und den Normalzustand
wieder herzustellen. Die psychischen Folgen des
Gelegenheitskonsums sind nicht zu unterschätzen. Ich finde
es auf der einen Seite schade, daß ich überhaupt in die
Drogenfalle geriet, auf der anderen Seite freue ich mich,
daß ich durch die heftigen Nebenwirkungen schneller den
Entschluß fassen konnte, auf Dauer Abstinent zu bleiben.
Ich möchte nicht mit einem selbsternannten, „glücklichen“
Gelegenheitskonsumenten tauschen, der auch nach fünfzig
Jahren noch nicht merkt, was für einen Unfug er eigentlich
treibt. Das große Problem eines Gelegenheitskonsumenten
besteht darin, daß er sich an die langsam einsetzenden
Nebenwirkungen gewöhnt. Für ihn sind die psychischen
Schäden, die er davon trägt etwas ganz normales. Sie
gehören seiner Meinung nach zum normalen Alterungsprozeß.
Er hat ja keine Vergleichsmöglichkeit. Könnte ein
siebzigjähriger Gelegenheitskonsument für einen Tag mit
einem gleichaltrigen Abstinenzler tauschen, würde er es
sich wohl stark überlegen, auch in Zukunft zu behaupten;
das bißchen Droge, daß er zu sich nimmt, tue ihm gut und
schade ihm nicht.
Im Rahmen einer Studie an
der University of Massachusetts Medical School fanden
Joseph DiFranza und seine Kollegen heraus, daß schon
Jugendliche, die nur ein Mal im Monat rauchen, Symptome
der Nikotinabhängigkeit zeigen. Von den befragten
Jugendlichen im Alter von 12 bis 13 Jahren beschrieben 75%
Abhängigkeits-Syndrome, obwohl sie nicht täglich rauchten.
Sie hatten ein Verlangen nach Tabak und litten unter
Entzugserscheinungen wie Konzentrationsschwäche und
Ruhelosigkeit.
Die unmittelbaren und
langfristigen Folgen eines einmaligen Alkoholrausches sind
hinlänglich bekannt. Auch der immer verharmloste
Gelegenheitskonsum von Cannabis ist nicht ganz ohne. Neben
gehobener Stimmung, Heiterkeit und Euphorie entstehen oft
Passivität, Lethargie, Apathie, bruchstückhaftes Denken,
Verlust der Erlebniskontinuität, erhöhte Ablenkbarkeit,
abnorme Fokussierung der Wahrnehmung auf irrelevante
Nebenreize, Gedächtnis- und Erinnerungsstörungen und
Kritikschwäche. Beim Konsum von Speed, Ecstasy, Kokain und
Heroin sind die Nebenwirkungen auch bei einmaliger
Einnahme teilweise verheerend. Die Palette reicht von
Gereiztheit, über Depressionen bis hin zum Tod.
Spätestens jetzt sollte uns
klar sein, daß Drogen, egal wie oft sie konsumiert werden,
als eindeutig negativ einzustufen sind.