Teil1 - Philosophische Sichtweisen
- Immer die anderen!
Immer die anderen!
Wer ist schuld?
Im Folgenden betrachten
wir die Umstände, die einen klugen Menschen dazu
verleiten, Drogen zu nehmen.
Wir wissen bis jetzt
lediglich, daß es in unserer Welt - zumindest in unseren
Breitengraden - nicht mit Zauberei zugeht, wenn sich
„normale“ Menschen scheinbar über Nacht in düstere
Drogenabhängige verwandeln. Doch wer ist dafür
verantwortlich? Wer oder was treibt uns dazu, uns mit
künstlichen oder natürlichen Giften vollzupumpen? Oder
sind wir sogar selber schuld?
Eine Selbstverschuldung,
die mit einer natürlichen Veranlagung einhergehen würde,
können wir guten Gewissens von uns weisen. Denn gesetzt
dieses Falles, würden alle Menschen Drogen konsumieren und
das bereits seit einhundert, fünfhundert oder fünftausend
Jahren. Die Erde war jedoch bislang zu jeder Zeit auch von
Menschen bevölkert, die nachweislich „clean“ waren.
Weiterhin hätten die mit uns in enger Verwandtschaft
stehenden Affen bei einer natürlichen Veranlagung zum
Drogenkonsum längst einen Weg gefunden, um sich kollektiv
zu berauschen.
Ihr Einwand könnte lauten,
daß Drogenkonsum eine Erbkrankheit ist, die nur einen Teil
der Bevölkerung betrifft. Schließlich gab es zu jedem
beliebigen Zeitpunkt auf der Erde neben nicht
konsumierenden auch konsumierende Menschen (bzw. Tiere
Giorgio Samorini „Liebestolle Katzen und berauschte
Kühe“). Der Konsum von Drogen scheint demnach in einem
unserer Gene festgeschrieben zu sein. Gene unterscheiden
sich bekanntlich von Mensch zu Mensch und so könnte es
möglich sein, daß bei einem Teil der Bevölkerung das
„Drogen-Gen“ vorhanden oder „aktiviert“ ist und bei dem
anderen Teil nicht.
Da ich fast neun Jahre
meines Lebens aktiver Konsument der verschiedensten Drogen
war, wäre es in diesem Fall nicht von der Hand zu weisen,
mich als Inhaber eines solchen Gens zu bezeichnen. Aber
wie kann es sein, daß nach diesen neun Jahren bei mir
jegliche Art von Drogenverlangen verschwunden ist? Stirbt
so ein Gen nach neun Jahren ab, genau zu dem Zeitpunkt
wenn man es sich vornimmt? Wenn ja, was ist dann mit Onkel
Fred, der seit vierzig Jahren raucht und trinkt? Ich denke
mit solch einer Theorie können und wollen wir uns nicht
zufrieden geben.
Aber was ist es dann,
was treibt uns dazu, uns freiwillig zu gefährden?
Aus dieser Frage ließe
sich leicht auf einen, in uns schlummernden
Selbstzerstörungstrieb schließen. Aber mal ehrlich,
glauben Sie daran? Wenn tatsächlich neunzig Prozent der
Bevölkerung davon betroffen wären, dürfte die
Selbstmordrate um einiges höher liegen. Außerdem würde es
dann keinen Raucher geben, der Angst davor hätte,
scheinbar verseuchte Nahrung zu sich zu nehmen. Und
zumindest mir sind einige Raucher bekannt, die zu den
Blütezeiten der BSE-Manie auf Rindfleisch verzichtet
haben.
Nein, wir brauchen uns
keine Vorwürfe mehr zu machen. Schuld an unserer Sucht
sind eindeutig die anderen.
Wenn Sie das Kapitel „das
erste Mal“ aufmerksam gelesen haben, oder sich an Ihr
eigenes erinnern, dürfte Ihnen auffallen, daß das soziale
Umfeld einen erheblichen Einfluß auf die eigene
Drogenkarriere hat. Es bietet sich demzufolge an, den oder
die Übeltäter in unseren Mitmenschen zu suchen.
„Das ist ja toll!“
werden Sie
jetzt denken, „Da gaukeln die mir vor, gute Freunde zu
sein und reiten mich in eine Situation hinein, die mir das
Leben erschwert oder gar zur Hölle macht. Denen werd ich´s
zeigen…“
Bevor Sie von der
Selbstjustiz gebrauch machen, bitte ich Sie kurz inne zu
halten und dann weiter zu lesen. Untersuchen wir einmal
näher, wie Ihr Freund (oder Kollege oder Bekannter oder
Verwandter oder, oder, oder) es geschafft hat, Ihnen so
etwas anzutun? Hat er Sie gezwungen? Hat er Sie erpreßt?
Wie Sie bereits wissen, werden aus erpreßten und
gezwungenen Erstkonsumenten keine Abhängigen. Der
Entschluß zu konsumieren lag bei Ihnen. Sie wollten es.
Den Anstoß gab aber Ihr Freund. Was hat er getan? Was hat
er gesagt? Mit Sicherheit hat Ihnen Ihr Freund etwas
anderes erzählt, als mir meiner. Dennoch können wir davon
ausgehen, daß es eine wichtige Parallele gibt. Keiner
unserer Freunde wird etwas Ähnliches behauptet haben wie:
„Hey, probier mal. Ich garantiere Dir auch, daß du in ein
paar Jahren elendig daran verrecken wirst“. Nein, sie
haben uns nicht mit den schlimmen Spätfolgen gedroht.
Vielmehr haben sie in den höchsten Tönen von der Droge
geschwärmt. Und das nicht, mit dem versteckten Motiv, uns
etwas Böses anzutun. Alles was sie uns über die Droge
erzählt haben, meinten sie von Grund auf ehrlich.
Selbstverständlich reichte ein einziger, die Droge
verherrlichender Satz nicht aus, uns umzustimmen. Wir
vertraten ja vorher die Meinung, niemals Drogen zu
konsumieren. Vielmehr war es ein Prozeß, der damit in Gang
gesetzt wurde, dem wir uns unter den gegebenen Umständen
nicht widersetzen konnten. In der darauffolgenden Zeit
begann unser Gehirn zu rotieren. Die alten Informationen,
die wir über die Droge abgespeichert hatten, wurden mit
den neuen verglichen und nach und nach durch Sie ersetzt.
Hatten wir früher daran geglaubt, die Droge bringe uns nur
Elend, wurde uns jetzt suggeriert, daß es ein Riesenspaß
sei, „drauf“ zu sein. Waren wir früher der Meinung, die
Droge ruiniere uns sowohl körperlich als auch seelisch,
ersetzten wir diese Stück für Stück mit dem Bild unseres
fröhlichen Freundes. Glaubten wir früher noch an den
raschen Tod, wurde diese Ansicht durch die Präsentation
eines recht alten – aber noch lebenden – Konsumenten
verdrängt. Nach und nach – und lange vor dem ersten Konsum
– vollzog sich eine Umprogrammierung in unserem Gehirn.
Bis eines Tages die Aktualisierung unserer Programme
abgeschlossen war.
Wichtig bei dieser
Erkenntnis ist nicht, ob es tatsächlich ein Freund, ein
verehrter Filmstar oder ein glücklicher Cowboy im
Werbespot war, der den „Stein ins rollen“ brachte. Wichtig
ist die Erkenntnis, daß wir umprogrammiert wurden. Die
Droge und ihre angeblich positiven Wirkungen wurden uns so
lange vor Augen gehalten, bis wir selbst daran glaubten.
Ich fasse zusammen: Nicht
wir sind Schuld an unserem Konsum. Die Schuld trifft unser
soziales Umfeld, welches uns solange – ungewollt - mit
Lügen bombardiert hat, bis wir nicht mehr anders konnten,
als es zu glauben und für richtig zu halten.
„Jetzt mach mal halblang“
höre ich Sie protestieren. „Wieso sollten die mich
belügen? Was war denn mit dem ersten Menschen, der diese
Droge konsumiert hat? Wer sollte dem denn irgendwelche
Lügen erzählt haben?“
Da gebe ich Ihnen recht.
Es scheint noch etwas anderes zu geben, was mit der Schuld
an unserem Dilemma leben muß. Alles was bleibt - wie
sollte es anders sein - ist die Droge an sich. Unser
Umfeld kann uns dazu bringen, die erste Dosis zu nehmen,
doch hätte man uns kalte Asche schön geredet, wären
unserem ersten Konsum wahrscheinlich noch maximal zwei
drei weitere gefolgt, bis wir mitbekommen hätten, was für
ein Blödsinn wir da eigentlich treiben. Das hinterhältige
an Drogen ist, daß Sie tatsächlich eine angenehme Wirkung
haben und dadurch den Eindruck erwecken, eine wirkliche
Bereicherung zu sein. Der erste Konsument einer Droge
hatte vorerst nur das schöne Gefühl, womit es ein Leichtes
war, seine Artgenossen davon zu überzeugen, doch auch mal
zu probieren.
Wir können demzufolge davon ausgehen, daß die
Drogenwirkung die Hauptverantwortung für den derzeitigen
Massenkonsum trägt. Doch ohne die kommunikativen Menschen,
die sich gegenseitig immer wieder von der schönen Wirkung
der Droge berichtet haben – und immer noch fleißig
weiterberichten -, wäre es wohl nie zu einer so
epidemischen Ausbreitung gekommen. Unsere haarigen
Verwandten haben daher lediglich „Pech“, das sie nicht
über eine große Distanz mit anderen Artgenossen
kommunizieren können und noch keinen Zugang zum Internet
haben. Entdeckt ein Affe eine Droge, freut er sich und
konsumiert sie. Vielleicht schafft er es sogar seinen
Kollegen davon zu überzeugen, auch mal zu probieren. Den
verfeindeten Nachbaraffenstamm wird die Nachricht von der
leckeren Frucht aber nicht mehr erreichen