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Buch

Einleitung
Teil1 - Phil. Sichtweisen
         Der Stand der Dinge
         Das erste Mal
         Einmal und immer wieder
         Immer die anderen
         Gut vs. Schlecht
Teil2 - Wiss. Erklärungen
Teil3 - Lösungen
Teil4 - Standpunkte
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Teil1 - Philosophische Sichtweisen - Einmal und immer wieder!

 

Einmal und immer wieder!

 

die Sucht nach dem ersten Mal

 

Beginnen wir erneut mit dem jungen Mann aus der Einleitung. Er inhalierte seine erste Zigarette und nahm dabei lediglich den schrecklichen Geschmack war. Das winzige Angstgefühl vor der möglichen Abhängigkeit, daß ihn vor dem Anzünden noch plagte, wich einer gewissen Erleichterung. Er war sich von nun an sicher, wohl niemals süchtig nach diesem Zeug zu werden. Nachdem er ein paar Tage später den Geschmack wieder vergessen hatte, probierte er die Nächste. Dieses Mal ging es schon besser. Und nach einem weiteren Versuch hatte er es geschafft. Er mußte nicht mehr husten. Jetzt konnte er, wann immer er wollte, sich eine geben lassen. Nach etwa zwanzig geschlauchten Zigaretten überkam ihn ein Schuldgefühl, das ihn dazu veranlaßte, etwas Geld in eine eigene Schachtel zu investieren. Er gab ein paar Zigaretten zurück und konnte sich, wann immer er wollte, von seinen eigenen bedienen. Er steigerte seinen Konsum kontinuierlich weiter, bis er ein paar Monate später einen täglichen Verbrauch von einer Schachtel aufweisen konnte.

 

Ich hoffe Sie stimmen mir zu, wenn ich behaupte, daß er zu diesem Zeitpunkt bereits abhängig war. Was meinen Sie, wann fand der Übergang von der Nichtsucht zur Sucht statt? Nach der dritten Zigarette, bei der er nicht mehr husten mußte? Nach dem Kauf der ersten Schachtel? Nachdem er seine fünfhundertste Zigarette ausgedrückt hatte? Oder vielleicht doch bereits nach der allerersten? Wie Ihnen die Überschrift dieses Kapitels verrät, plädiere ich für den Beginn einer Sucht bereits nach dem ersten Mal.

 

Aber hätte er nicht nach dem ersten Versuch sagen können „schmeckt mir nicht, nie wieder!“?

 

Gewiß! Hätte er sich in einer anderen Ausgangsposition befunden, hätte er das sagen können. In seiner Lage war es jedoch nicht möglich. Er steckte sich die erste Zigarette an, weil er unbedingt rauchen wollte. Lediglich die Angst, danach sofort süchtig zu sein, ließ ihn noch mit sich kämpfen. Nach dem scheußlichen Geschmack der ersten Inhalation merkte er, daß es unmöglich ist davon abhängig zu werden. Es konnte seiner Meinung nach auch eine zweite und eine dritte Zigarette keine Abhängigkeit bewirken. In seinem Kopf war er aber bereits abhängig und den letzten Tritt in die Sucht versetzte ihm die Wirkung des Nikotins.

 

Ich erwähnte gerade, sein Pech sei die falsche Ausgangsposition gewesen. Vielleicht kennen Sie jemanden aus Ihrem Bekanntenkreis, der Nichtraucher ist, aber schon einmal an einer Zigarette gezogen hat. Er befand sich in der richtigen, aber sehr seltenen Ausgangslage. Er wollte nie rauchen und holte sich lediglich das eine Mal die Bestätigung, daß Zigarettenqualm etwas wirklich Unappetitliches ist (sog. Probierkonsum). Im Alter von neun Jahren bot mir meine zehn Jahre ältere Schwester eine Zigarette an. Sie sagte, es sei eine Kaugummizigarette, die wunderbar schmeckt. Ich hatte zunächst Angst davor, aber mein liebes Schwesterlein redete behutsam – im Beisein ihrer Freunde – auf mich ein. Sie versprach mir, daß da wirklich nichts dabei sei und mir der Geschmack mit Sicherheit gefallen würde. Kurze Zeit später war ich bereit. Ich zog daran und mußte kräftig husten. Alle lachten. Ich war sauer. Doch war ich jetzt ein Raucher? Selbstverständlich nicht. Das grausame Kratzen in meinem Hals verstärkte vorerst meinen Entschluß, niemals mit dem Rauchen anzufangen. 

 

In Experimenten mit Affen, wurde nachgewiesen, daß Affen, denen die Droge aufgezwungen wird, abstinent bleiben. Ich möchte meiner Schwester keine böse Absicht unterstellen, aber ich zähle das Vortäuschen falscher Tatsachen auch zum Zwang.

 

Es erscheint Ihnen vielleicht unwichtig, aber entscheidend für die „Raucherkarriere“ ist, daß jeder aktuelle Dauerkonsument unbedingt rauchen wollte, bevor er seinen ersten Zug nahm. Es war lediglich die Angst vor einer möglichen, sofort einsetzenden Sucht die ihn zögern ließ. Durch den schlechten Geschmack der ersten Zigarette und dem danach ausbleibenden Gefühl, abhängig zu sein, war es bereits zu spät. Der Konsum der nächsten Zigaretten war nur noch eine Frage der Zeit. Und den letzten Schliff zur Sucht gab die Wirkung der Droge.

Dieselbe Prozedur vollzieht sich bei einem Raucher, der über einen gewissen Zeitraum aufhört und dann doch wieder seinem Verlangen nach einer Zigarette erliegt. Er ist sich sicher, nur eine zu rauchen und dann nicht wieder abhängig zu werden. Da ihm die erste Zigarette nach einer langen Pause auch nicht wirklich sonderlich gut bekommt, bestätigt ihn das in seiner Annahme. Also wird kurze Zeit später auch eine zweite Zigarette ihn nicht wieder zum regelmäßigen Rauchen verleiten können. Wie so was endet wissen Sie wahrscheinlich.

Natürlich führen nicht alle freiwilligen „ersten Male“ zum Dauerkonsum. Einige Raucher entschließen sich auch zum so genannten Gelegenheitskonsum. Doch auch für diese Gruppe gilt: „einmal und immer wieder!“

 

Wie verhält es sich bei den anderen Drogen?

 

Um die Chronologie des ersten Kapitels beizubehalten, widmen wir uns als nächstes dem Alkohol. Ist es tatsächlich möglich bereits nach dem ersten Schluck abhängig zu sein? Ähnlich wie beim Rauchen nahm auch der aktuelle Alkoholkonsument seinen ersten Schluck freiwillig zu sich, denn Probierkonsum und Zwang sind auch beim Alkohol keine Garanten für eine Abhängigkeit. Zwang bedeutet dabei nicht in jedem Fall, daß das „Opfer“ an einen Stuhl gefesselt wird, ihm einer den Kopf nach hinten drückt und ein anderer eine Flasche Hochprozentigen auf den Mund preßt. Zwang liegt auch dann vor, wenn einmal im Jahr zum Geburtstag an einem Glas Wein genippt werden muß, weil es unhöflich erscheinen würde, dies nicht zu tun (Gruppenzwang).

Da in unserer Gesellschaft die allgemeine Auffassung gilt, daß Alkohol erst über einen längeren Zeitraum, in regelmäßigen Abständen getrunken, zur Abhängigkeit führt, besteht dahingehend für den Konsumenten keinerlei Grund zur Beunruhigung. Er wird, auch wenn es ihm zunächst nicht schmeckt, schon beim ersten Mal soviel trinken, daß sich eine Wirkung einstellt. Dadurch, daß bereits wenige Mengen Alkohol dazu beitragen, die hemmenden Zentren des Zentralnervensystems zu blockieren, wird die Wirkung des Alkohols als angenehm empfunden. Es kommt zur Auflockerung, Fröhlichkeit, Redseligkeit und Selbstüberschätzung. Wird dann weiter getrunken, setzen die anderen, bekannten Wirkungen des Alkohols ein. Auch diese werden von einigen Konsumenten als etwas Schönes beschrieben. Egal wie der erste Abend mit Alkohol endet, dem Konsumenten wird ein angenehmer Gefühlszustand in Verbindung mit Alkohol im Gedächtnis bleiben. Was sollte also nach diesem Erlebnis noch dagegen sprechen, auch in Zukunft wenigstens ab und an Alkohol zu konsumieren? Ich denke an dieser Stelle wird klar, daß von dem Moment des ersten - freiwilligen - Konsums an, der Alkohol eine Rolle im Leben des Konsumenten spielen wird. Es ist dabei nicht wichtig, ob daraus eine zentrale oder eine eher begleitende Rolle entsteht. Wichtig ist lediglich, daß auch hier gilt: einmal und immer wieder.

 

Die Cannabis-einmal-und-immer-wieder-Prozedur funktioniert ähnlich. Interessant dabei ist, daß man vor dem ersten Konsum natürlich keine Vorstellung davon haben kann, wie es sich anfühlt, bekifft zu sein. Man erwartet nur, daß irgend etwas passiert. Nachdem man das erste Mal am Joint gezogen hat, phantasiert man sich eine Wirkung zusammen, die es eigentlich gar nicht gibt. Bei meinen ersten Versuchen, mich mit dieser Droge anzufreunden, stellte ich mir vor, ich müsse irgendwelche Fantasiefiguren sehen und glaubte dies auch tatsächlich zu tun und dabei irgendwie zu schweben und high zu sein. Als ich mich an das Kiffen gewöhnt hatte, war das Gefühl natürlich ganz anders und im Nachhinein amüsiere ich mich manchmal über meine Naivität. Aber woher sollte ich es auch besser wissen. Rauschzustände kann man nicht beschreiben, man „muß“ sie erleben.

Das, durch die THC Wirkung einsetzende Gefühl der Entspannung und Loslösung von weltlichen Problemen ist dann so schön, daß man es auf jeden Fall noch einmal erleben möchte. Und jeder, der dieses nächste Mal erlebt hat, wird mir zustimmen, daß es mitnichten das letzte Mal war. Abschließend sei zu bemerken, daß auch hier gilt, daß das zweite Mal nur auf ein wirklich gewolltes erstes Mal folgt. Zwang und Selbstbestätigung sind auch beim Cannabiskonsum kein Grund zum weitermachen.

 

Bei den beliebten Designerdrogen ist es noch leichter, nach dem ersten - gewollten - Versuch nicht gleich das Handtuch zu werfen. Sorgen um eine mögliche Nichtwirkung braucht man sich jedenfalls nicht zu machen, denn das erste Mal gilt im allgemeinen als sehr intensiv. Nach meinem ersten Discoabstecher mit Pille im Bauch ärgerte ich mich lediglich, daß ich erst so spät – mit siebzehn – auf den „Geschmack“ gekommen war. Jeder, der seine Erfahrungen mit Amphetaminen oder den verschiedenen „Bunte-Pillen-Varianten“ gemacht hat, wird wissen was ich meine. Das Glück und die Liebe, die dabei in einem emporsteigen sind schon fast ein wenig unheimlich. Doch Vorsicht! Vor dem ersten „Genuß“ bloß nicht in eine Situation geraten, die wirklich bedrohlich oder beängstigend ist, da es in solch einem Fall keine hundertprozentige Chance auf Gefallen gibt. Denn Designerdrogen begünstigen lediglich die aktuelle Gefühlslage. Auf Pille gilt daher: lieber mit Freunden in die Disco, als auf eine Beerdigung gehen. Und immer daran denken: sollte das erste Mal doch nicht ganz so schön sein, kann man zumindest davon ausgehen, daß es nicht das letzte Mal war…

 

Um mir unnötige Widerholungen zu ersparen, verzichte ich an dieser Stelle auf die Konsumverlaufsbeschreibungen der noch nicht genannten Drogen. Für Kokain, Heroin, Crack, LSD, Pilze, Koffein etc. gilt dasselbe Prinzip. Ist man vor dem Erstkonsum bereit, die Droge zu sich zu nehmen, so folgt in jedem Fall auch ein zweites Mal, an das sich ein drittes mit einem vierten im Gepäck anschließt. Ein Ende findet diese Reihe entweder in der strikten Abstinenz des Konsumenten oder in dessen - natürlichem - Tod.

 

Möglicherweise sind Sie jetzt ein wenig verwirrt und fragen sich, wie ich sogar von Abhängigkeit sprechen kann, wenn jemand die Droge immer wieder - aber maximal einmal in der Woche oder einmal im Monat - zu sich nimmt.

 

Der Einwand ist mehr als berechtigt. Normalerweise wird erst dann von Abhängigkeit gesprochen, wenn der Konsument die Kontrolle über sich, die Droge und sein Leben verliert.

Doch hat man die Kontrolle nicht bereits verloren, wenn man damit anfängt, freiwillig eine Substanz zu sich zu nehmen, von der man weiß, daß sie giftig und schädlich ist? Oder gibt es im Bezug auf Drogen überhaupt keine Kontrolle, die man verlieren könnte?

 

Ich möchte Sie bitten, im Laufe der nächsten Kapitel Ihre eigenen Antworten auf diese Fragen zu finden.

 

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