Teil1 - Philosophische Sichtweisen
- Einmal und immer wieder!
Einmal und immer
wieder!
die Sucht nach dem ersten
Mal
Beginnen wir erneut mit
dem jungen Mann aus der Einleitung. Er inhalierte seine
erste Zigarette und nahm dabei lediglich den schrecklichen
Geschmack war. Das winzige Angstgefühl vor der möglichen
Abhängigkeit, daß ihn vor dem Anzünden noch plagte, wich
einer gewissen Erleichterung. Er war sich von nun an
sicher, wohl niemals süchtig nach diesem Zeug zu werden.
Nachdem er ein paar Tage später den Geschmack wieder
vergessen hatte, probierte er die Nächste. Dieses Mal ging
es schon besser. Und nach einem weiteren Versuch hatte er
es geschafft. Er mußte nicht mehr husten. Jetzt konnte er,
wann immer er wollte, sich eine geben lassen. Nach etwa
zwanzig geschlauchten Zigaretten überkam ihn ein
Schuldgefühl, das ihn dazu veranlaßte, etwas Geld in eine
eigene Schachtel zu investieren. Er gab ein paar
Zigaretten zurück und konnte sich, wann immer er wollte,
von seinen eigenen bedienen. Er steigerte seinen Konsum
kontinuierlich weiter, bis er ein paar Monate später einen
täglichen Verbrauch von einer Schachtel aufweisen konnte.
Ich hoffe Sie stimmen mir
zu, wenn ich behaupte, daß er zu diesem Zeitpunkt bereits
abhängig war. Was meinen Sie, wann fand der Übergang von
der Nichtsucht zur Sucht statt? Nach der dritten
Zigarette, bei der er nicht mehr husten mußte? Nach dem
Kauf der ersten Schachtel? Nachdem er seine fünfhundertste
Zigarette ausgedrückt hatte? Oder vielleicht doch bereits
nach der allerersten? Wie Ihnen die Überschrift dieses
Kapitels verrät, plädiere ich für den Beginn einer Sucht
bereits nach dem ersten Mal.
Aber hätte er nicht
nach dem ersten Versuch sagen können „schmeckt mir nicht,
nie wieder!“?
Gewiß! Hätte er sich in
einer anderen Ausgangsposition befunden, hätte er das
sagen können. In seiner Lage war es jedoch nicht möglich.
Er steckte sich die erste Zigarette an, weil er unbedingt
rauchen wollte. Lediglich die Angst, danach sofort süchtig
zu sein, ließ ihn noch mit sich kämpfen. Nach dem
scheußlichen Geschmack der ersten Inhalation merkte er,
daß es unmöglich ist davon abhängig zu werden. Es konnte
seiner Meinung nach auch eine zweite und eine dritte
Zigarette keine Abhängigkeit bewirken. In seinem Kopf war
er aber bereits abhängig und den letzten Tritt in die
Sucht versetzte ihm die Wirkung des Nikotins.
Ich erwähnte gerade, sein
Pech sei die falsche Ausgangsposition gewesen. Vielleicht
kennen Sie jemanden aus Ihrem Bekanntenkreis, der
Nichtraucher ist, aber schon einmal an einer Zigarette
gezogen hat. Er befand sich in der richtigen, aber sehr
seltenen Ausgangslage. Er wollte nie rauchen und holte
sich lediglich das eine Mal die Bestätigung, daß
Zigarettenqualm etwas wirklich Unappetitliches ist (sog.
Probierkonsum). Im Alter von neun Jahren bot mir meine
zehn Jahre ältere Schwester eine Zigarette an. Sie sagte,
es sei eine Kaugummizigarette, die wunderbar schmeckt. Ich
hatte zunächst Angst davor, aber mein liebes Schwesterlein
redete behutsam – im Beisein ihrer Freunde – auf mich ein.
Sie versprach mir, daß da wirklich nichts dabei sei und
mir der Geschmack mit Sicherheit gefallen würde. Kurze
Zeit später war ich bereit. Ich zog daran und mußte
kräftig husten. Alle lachten. Ich war sauer. Doch war ich
jetzt ein Raucher? Selbstverständlich nicht. Das grausame
Kratzen in meinem Hals verstärkte vorerst meinen Entschluß,
niemals mit dem Rauchen anzufangen.
In Experimenten mit Affen,
wurde nachgewiesen, daß Affen, denen die Droge
aufgezwungen wird, abstinent bleiben. Ich möchte meiner
Schwester keine böse Absicht unterstellen, aber ich zähle
das Vortäuschen falscher Tatsachen auch zum Zwang.
Es erscheint Ihnen
vielleicht unwichtig, aber entscheidend für die
„Raucherkarriere“ ist, daß jeder aktuelle Dauerkonsument
unbedingt rauchen wollte, bevor er seinen ersten Zug nahm.
Es war lediglich die Angst vor einer möglichen, sofort
einsetzenden Sucht die ihn zögern ließ. Durch den
schlechten Geschmack der ersten Zigarette und dem danach
ausbleibenden Gefühl, abhängig zu sein, war es bereits zu
spät. Der Konsum der nächsten Zigaretten war nur noch eine
Frage der Zeit. Und den letzten Schliff zur Sucht gab die
Wirkung der Droge.
Dieselbe Prozedur
vollzieht sich bei einem Raucher, der über einen gewissen
Zeitraum aufhört und dann doch wieder seinem Verlangen
nach einer Zigarette erliegt. Er ist sich sicher, nur eine
zu rauchen und dann nicht wieder abhängig zu werden. Da
ihm die erste Zigarette nach einer langen Pause auch nicht
wirklich sonderlich gut bekommt, bestätigt ihn das in
seiner Annahme. Also wird kurze Zeit später auch eine
zweite Zigarette ihn nicht wieder zum regelmäßigen Rauchen
verleiten können. Wie so was endet wissen Sie
wahrscheinlich.
Natürlich führen nicht
alle freiwilligen „ersten Male“ zum Dauerkonsum. Einige
Raucher entschließen sich auch zum so genannten
Gelegenheitskonsum. Doch auch für diese Gruppe gilt:
„einmal und immer wieder!“
Wie verhält es sich bei
den anderen Drogen?
Um die Chronologie des
ersten Kapitels beizubehalten, widmen wir uns als nächstes
dem Alkohol. Ist es tatsächlich möglich bereits nach dem
ersten Schluck abhängig zu sein? Ähnlich wie beim Rauchen
nahm auch der aktuelle Alkoholkonsument seinen ersten
Schluck freiwillig zu sich, denn Probierkonsum und Zwang
sind auch beim Alkohol keine Garanten für eine
Abhängigkeit. Zwang bedeutet dabei nicht in jedem Fall,
daß das „Opfer“ an einen Stuhl gefesselt wird, ihm einer
den Kopf nach hinten drückt und ein anderer eine Flasche
Hochprozentigen auf den Mund preßt. Zwang liegt auch dann
vor, wenn einmal im Jahr zum Geburtstag an einem Glas Wein
genippt werden muß, weil es unhöflich erscheinen würde,
dies nicht zu tun (Gruppenzwang).
Da in unserer Gesellschaft
die allgemeine Auffassung gilt, daß Alkohol erst über
einen längeren Zeitraum, in regelmäßigen Abständen
getrunken, zur Abhängigkeit führt, besteht dahingehend für
den Konsumenten keinerlei Grund zur Beunruhigung. Er wird,
auch wenn es ihm zunächst nicht schmeckt, schon beim
ersten Mal soviel trinken, daß sich eine Wirkung
einstellt. Dadurch, daß bereits wenige Mengen Alkohol dazu
beitragen, die hemmenden Zentren des Zentralnervensystems
zu blockieren, wird die Wirkung des Alkohols als angenehm
empfunden. Es kommt zur Auflockerung, Fröhlichkeit,
Redseligkeit und Selbstüberschätzung. Wird dann weiter
getrunken, setzen die anderen, bekannten Wirkungen des
Alkohols ein. Auch diese werden von einigen Konsumenten
als etwas Schönes beschrieben. Egal wie der erste Abend
mit Alkohol endet, dem Konsumenten wird ein angenehmer
Gefühlszustand in Verbindung mit Alkohol im Gedächtnis
bleiben. Was sollte also nach diesem Erlebnis noch dagegen
sprechen, auch in Zukunft wenigstens ab und an Alkohol zu
konsumieren? Ich denke an dieser Stelle wird klar, daß von
dem Moment des ersten - freiwilligen - Konsums an, der
Alkohol eine Rolle im Leben des Konsumenten spielen wird.
Es ist dabei nicht wichtig, ob daraus eine zentrale oder
eine eher begleitende Rolle entsteht. Wichtig ist
lediglich, daß auch hier gilt: einmal und immer wieder.
Die
Cannabis-einmal-und-immer-wieder-Prozedur funktioniert
ähnlich. Interessant dabei ist, daß man vor dem ersten
Konsum natürlich keine Vorstellung davon haben kann, wie
es sich anfühlt, bekifft zu sein. Man erwartet nur, daß
irgend etwas passiert. Nachdem man das erste Mal am Joint
gezogen hat, phantasiert man sich eine Wirkung zusammen,
die es eigentlich gar nicht gibt. Bei meinen ersten
Versuchen, mich mit dieser Droge anzufreunden, stellte ich
mir vor, ich müsse irgendwelche Fantasiefiguren sehen und
glaubte dies auch tatsächlich zu tun und dabei irgendwie
zu schweben und high zu sein. Als ich mich an das Kiffen
gewöhnt hatte, war das Gefühl natürlich ganz anders und im
Nachhinein amüsiere ich mich manchmal über meine Naivität.
Aber woher sollte ich es auch besser wissen.
Rauschzustände kann man nicht beschreiben, man „muß“ sie
erleben.
Das, durch die THC Wirkung
einsetzende Gefühl der Entspannung und Loslösung von
weltlichen Problemen ist dann so schön, daß man es auf
jeden Fall noch einmal erleben möchte. Und jeder, der
dieses nächste Mal erlebt hat, wird mir zustimmen, daß es
mitnichten das letzte Mal war. Abschließend sei zu
bemerken, daß auch hier gilt, daß das zweite Mal nur auf
ein wirklich gewolltes erstes Mal folgt. Zwang und
Selbstbestätigung sind auch beim Cannabiskonsum kein Grund
zum weitermachen.
Bei den beliebten
Designerdrogen ist es noch leichter, nach dem ersten -
gewollten - Versuch nicht gleich das Handtuch zu werfen.
Sorgen um eine mögliche Nichtwirkung braucht man sich
jedenfalls nicht zu machen, denn das erste Mal gilt im
allgemeinen als sehr intensiv. Nach meinem ersten
Discoabstecher mit Pille im Bauch ärgerte ich mich
lediglich, daß ich erst so spät – mit siebzehn – auf den
„Geschmack“ gekommen war. Jeder, der seine Erfahrungen mit
Amphetaminen oder den verschiedenen
„Bunte-Pillen-Varianten“ gemacht hat, wird wissen was ich
meine. Das Glück und die Liebe, die dabei in einem
emporsteigen sind schon fast ein wenig unheimlich. Doch
Vorsicht! Vor dem ersten „Genuß“ bloß nicht in eine
Situation geraten, die wirklich bedrohlich oder
beängstigend ist, da es in solch einem Fall keine
hundertprozentige Chance auf Gefallen gibt. Denn
Designerdrogen begünstigen lediglich die aktuelle
Gefühlslage. Auf Pille gilt daher: lieber mit Freunden in
die Disco, als auf eine Beerdigung gehen. Und immer daran
denken: sollte das erste Mal doch nicht ganz so schön
sein, kann man zumindest davon ausgehen, daß es nicht das
letzte Mal war…
Um mir unnötige
Widerholungen zu ersparen, verzichte ich an dieser Stelle
auf die Konsumverlaufsbeschreibungen der noch nicht
genannten Drogen. Für Kokain, Heroin, Crack, LSD, Pilze,
Koffein etc. gilt dasselbe Prinzip. Ist man vor dem
Erstkonsum bereit, die Droge zu sich zu nehmen, so folgt
in jedem Fall auch ein zweites Mal, an das sich ein
drittes mit einem vierten im Gepäck anschließt. Ein Ende
findet diese Reihe entweder in der strikten Abstinenz des
Konsumenten oder in dessen - natürlichem - Tod.
Möglicherweise sind Sie
jetzt ein wenig verwirrt und fragen sich, wie ich sogar
von Abhängigkeit sprechen kann, wenn jemand die Droge
immer wieder - aber maximal einmal in der Woche oder
einmal im Monat - zu sich nimmt.
Der Einwand ist mehr als
berechtigt. Normalerweise wird erst dann von Abhängigkeit
gesprochen, wenn der Konsument die Kontrolle über sich,
die Droge und sein Leben verliert.
Doch hat man die Kontrolle
nicht bereits verloren, wenn man damit anfängt, freiwillig
eine Substanz zu sich zu nehmen, von der man weiß, daß sie
giftig und schädlich ist? Oder gibt es im Bezug auf Drogen
überhaupt keine Kontrolle, die man verlieren könnte?
Ich möchte Sie bitten, im Laufe der nächsten Kapitel Ihre
eigenen Antworten auf diese Fragen zu finden.